3.47 Kramolin, München und Berlin

 

 kramolin muenchen und berlin

Mal AG und mal GmbH — die Geschichte des Münchner Unternehmens, das auch einen Sitz in Berlin hatte, war abwechslungsreich. Schon 1922 exportierte die „Kramolin AG, Fabrik elektrischer Apparate", welche die „RTV-Zulassung" zunächst, nur für Bayern erhielt, ihre frühen Detektor- und Röhren-Empfangsgeräte. Zumeist handelte es sich um gleichartig gestaltete Komponenten, von denen das „Einheits-Abstimmgerät" und das „Einheits-Röhrengerät" zur Grundausstattung zählten. Bis zu sechs Blechpultkästen gleicher Größe konnte man zusammenstellen, das ergab dann einen rückgekoppelten Fünf Röhren-Empfänger. Weil aber die Abstimm-Elemente mit außen liegenden Spulen versehen waren, erhielten sie 1923/24 keine RTV-Zulassung.

 

 

Abbildung aus: „Nesper, Der Radio-Amateur", 6. Aufl. 1925

 

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Inserat aus: „Radio-Umschau", Nov. 1924.

 

Um die RTV-Vorschriften schienen sich die Herren von Kramolin wenig zu kümmern. Sie offerierten auch auf dem deutschen Markt ihre Einheitsgeräte. Der Handel war wohl etwas vorsichtiger, in keinem der frühen Katalogen konnte man diese Bausteine finden. Sie hätten nur von Personen mit „Audion-Versuchserlaubnis" oder entsprechend autorisierten Institutionen betrieben werden dürfen. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass sich eine komplette Serie dieser Einheits Geräte in keiner Sammlung (bzw. Museum) befindet.

Finanziell hatte das Unternehmen schon im ersten Rundfunkjahr Probleme. Zur Abwendung des Konkurses ordnete die Münchner Industrie und Handelskammer bereits im Juli 1924 eine „Geschäftsaufsicht" an. 1925 wurde die Aktiengesellschaft von Amts wegen gelöscht. Aber es entstand eine Nachfolgefirma.

 

 

In der Werbung sparte die Kramolin AG nicht. Man findet ihre Inserate bei Kappelmayer (Radio im Heim 1923), in „Radio", „Radio-Umschau", „Radio-Export", in der „Radio Woche" usf. In den Jahren von 1927 bis 1929 offerierte die neue „Kramolin & Co. GmbH" eine beachtliche Typenvielfalt. 

 

 

Kramolin fertigte alle Empfängertypen. Die Abbildung zeigt vorne rechts einen Detektorapparat mit dem Kramolin-Spezial-Abstimmkondensator, dem so genannten „"Vernier-Kondensator, welcher von Dr. Nesper in „Der Radio Amateur, Heft 5/1923 beschrieben wurde. Links steht das Pentatron Gerät R.D.V. 35 von 1927 und dahinter das vom Sammler „Keksdose" genannte Zweiröhren Netzanschlussgerät Type 55, Baujahr 1929.

 

 

Das schönste Kramolin-Modell mit den oben aufgesteckten Pentatron-Röhren: R.D.V.36.

 

Ohne diese TeKa De-Röhren und „Aufsteckeinheiten" (Spulensätze) kostete es nur 84.50 RM. Wer aber die Sender auf den Wellen von 200 bis 2500 m empfangen wollte, musste drei Aufsteckeinheiten (36 - I bisIII) kaufen und die schlugen mit 3 x 12 Mark zu Buche. Dazu zwei Doppelröhren = 24 Mark, Akku und Anodenbatterieca. 25 Mark, und ein durchschnittlicher Lautsprecher 35 Mark — macht zusammen (ohne Antenne) 120 Mark. Mit „84.50" war's also noch lange nicht getan — man bekam dafür „ein Auto ohne Motor und Räder" — am Ende reichten 200 Mark nicht. 

 

 

Auch dieser „Pentatron"-Apparat Type R.D.V.33 wurde 1927 mit TeKaDe-Röhren bestückt. Die beiden Zweifachröhren bringen laut Firmenangabe die „Wirkung eines Fünf-Röhren-Apparates". 

 

Kramolin's „Pentatron"-Empfänger wurden mit TeKaDe-Zweifachröhren bestückt, deren Anodenbleche mit dem Kramolin-Emblem gekennzeichnet waren. LeoLadislausvon Kramolin hatte seine Schutzrechte — wie „Der Radio-Händler" 1926 (auf S. 807) berichtete — im selben Jahr der TeKaDe überlassen. Bei einzelnen Kramolin-Modellen konnten anstelle der TeKaDe-Zweifachröhren wahlweise TeKaDe Dreifachröhren verwendet werden.

 

 

Inserat aus „Radio" 1927, S. 116. Im Text des Inserats ist zu lesen, dass Kramolin & Co. „die ganze Mehrfachröhren-Bewegung geschaffen hat".

 

 

 

Nur eine Röhre steckt auf diesem „Pentatron“-Apparat Typ R.D.V.40 von 1927, aber es ist die TeKaDe-Dreifachröhre VT 139 und deshalb hört man den Ortssender recht gut im Lautsprecher. Wer sich mit geringerer Lautstärke zufrieden gab, konnte eine Zweifachröhre einstecken und sparte dadurch Heiz- und Anodenstrom. Der R.D.V.40 sollte die Antwort auf den Loewe OE 333 sein, welcher mit seinem Preis von 39.50 RM der ganzen Branche das Fürchten lehrte. Kramolin hoffte, mit RM 41.50 im Rennen zu bleiben, reduzierte dann aber doch auf 39.50. Dass die Rechnung dennoch nicht aufging, scheint dadurch bewiesen, dass der R.D.V.40 heute vielfach seltener ist als der Loewe-Ortsempfänger. 

 

1928 erschien neben einem neuen „Selbstwähler" als Spitzenerzeugnis der so genannte "Druckknopf Automat" (siehe auch Kapitel 1.10). Dieser mit 20 Sendertasten ausgestattete Radioapparat war — wie zuvor die Pentatron-Empfänger — ebenfalls mit Röhren von TeKaDe bestückt; jedoch nicht mit den Mehrfachröhren. 

 

„Es gibt sie nicht mehr" — steht im Kapitel 1.10, und auch neue Bemühungen, einen „Kramolin Druckknopf-Automat" Type 53 von 1928 zu finden, um ihn vor die Linse zu bekommen, verliefen ergebnislos. Zumindest einer aber müsste noch existieren. Vor annähernd zehn Jahren spielte ein Sammler an seinen Knöpfchen, bevor dieser einmalige „Super" — ein Vorgriff auf Zukunftsmodelle — plötzlich unauffindbar wurde. Ob er mal wieder auftaucht?

Die Tatsache, dass diese Kramolin-Modelle auch in keinem Museum präsent sind, hat sicher einen Grund. 1928 war schon das Netzanschlussgerät im Gespräch und — trotz des revolutionären Bedienungskomforts — war ein derartiger, mit TeKaDe-Trioden bestückter Superhet nicht auf dem neuesten Stand. Die Radiohändler werden sich solche Geräte, die wenig Verkaufsaussichten boten, kaum auf Lager gelegt haben. Und wenn sich nur eine Hand voll der Interessierten zum Kauf eines derartigen Automaten entschließen konnte, braucht man sich eigentlich nicht wundern, wenn ein solcher heute nicht mehr zu finden ist.

 

 

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KRAMOLIN für Netzanschluß ist klangrein, formschön u. trotzdem billig,— das Rundfunkgerät der Anspruchsvollen!

 

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Notiz aus „Radio“, November 1929

 

1929 kamen kleine und auch größere Netzanschlussgeräte ins Lieferprogramm der Kramolin & Co. GmbH – der Sammler nennt sie „Keksdosen“ (siehe auch Type 55 im Bild Seite 2).
Der Firma aber stand das Wasser bis zum Hals. Sie wollte sich noch durch eine Auslandsbeteiligung sanieren. Wie dann das Aktienkapital von 20.000 auf 1 Million RM erhöht werden konnte, bleibt wohl ein Rätsel. Hat der Engländer den maroden Betrieb auf die Insel mitgenommen? 1930 jedenfalls waren die Fabrikate der Herren von Kramolin aus den Katalogen verschwunden. Die Firma, zuletzt nur noch in Berlin ansässig, war ein zweites Mal abgewirtschaftet. 

 

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Inserat aus: „Radio“, April 1930. Anscheinend lagerten bei Kramolin im April 1930 noch zahlreiche Empfänger, welche repariert werden sollten. Um diese kümmerten sich jetzt die Radio-Werkstätten Becker & van Delft.