1.3 Berlin und die Goldenen Zwanziger – das Radio gehörte dazu

Es war nicht nur der Krieg, der die Einführung eines Hörfunks „zur kulturellen Unterhaltung und Belehrung“ in Deutschland behindert hatte, es waren auch die Ängste der Regierenden, welche mit der Einführung des Rundfunks die Gefahr einer Volksbeeinflussung fürchteten (deshalb wurde auch schon bald ein „Ueberwachungsausschuß“ eingesetzt). Außerdem glaubte man nicht, dass die Teilnehmerzahlen solche Ausmaße annehmen könnten, dass damit eine Programmgestaltung und der Sendebetrieb zu finanzieren wäre. Und schließlich die Inflation, da hatte man doch andere Sorgen. Unter solchen Prämissen war es erstaunlich, dass Hans Bredow am 29. Oktober 1923, als der erste amtlich registrierte Hörer 350 Milliarden Mark Teilnehmergebühr bezahlen musste, den ersten – von Fr. Weichart aus älteren Einzelteilen zusammengebauten – deutschen Rundfunksender im Vox-Haus Berlin eröffnen konnte.

 

dollarkurs 1923

 

Unter solchen Prämissen war es erstaunlich, daß Hans Bredow am 29. Oktober 1923, als der erste amtlich registrierte Hörer 350 Milliarden Mark Teilnehmergebühr bezahlen mußte, den ersten – von Friedrich Weichart aus alten Teilen zusammengebauten – deutschen Rundfunksender im Vox­ Haus Berlin eröffnen konnte.

 

 der rundfunkhandel dez 1948 originaltext aus die woche 47 1923

Bild aus: „Der Rundfunkhandel“, Dez. 1948: Sender mit B.U. Originaltext aus „Die Woche“ Nr. 47/1923

 

Aber es gab schließlich noch mehr Erstaunliches in diesen schlechten Zeiten zwischen 1919 und dem 15. November 1923 – dem Ende der Inflation. Der monumentale Ufa-Palast am Zoo und das mit Max Reinhardt berühmt gewordene Schauspielhaus wurden eröffnet, das Kabarett Größenwahn hatte Premiere, die Avus wurde eingeweiht und der Tonfilm erfunden. Bubikopf und der „Berliner Schick“ feierten Triumphe. Operette, Metropol und Haller-Revue – man schwelgte im Rausch der Goldenen Zwanziger.

 

 ufa palast max reinhardt

 

Vox Haus Sender

Wenige hundert Watt Antennenleistung strahlte der erste Berliner Vox-Haus-Sender in den „Äther“

 

vom deutschen rundfunk

 

 haller revue

 

Wer aber ist „man“? Es ist eine spekulierende Oberschicht, die mit den Billionen zu jonglieren verstand; die Krisengewinnler tanzten auf dem Vulkan, das einfache Volk stöhnte unter Entbehrungen. Die Betuchten konnten sich die meist sehr teuren, von der Reichs-Telegrafen-Verwaltung (RTV) zugelassenen Geräte kaufen und (ab 15. Nov. 1923) die hohe Teilnehmergebühr von 60 Rentenmark für ein Jahr bezahlen. Weil aber auch der „kleine Mann“ nicht leer ausgehen wollte, pfiff er auf die Gesetze, bastelte sich einen Detektorapparat und hörte „schwarz“.

 

verkaufe radio anlage

Inserat aus: „Der Deutsche Rundfunk“, März 1924. Der Inserent wollte seine Telefunken-Empfangsanlage (D-Zug von 1923/24) verkaufen. Zumindest 500 Goldmark sollte sie noch kosten.

 

schwarzhoerer 

 

rtv

Die „Schwarzhörer“, die sich selbst etwas verharmlosend „Zaungäste“ nannten, wurden für die Rundfunkgestalter zu einem Problem, mit dem sich die Redaktionen der Fachzeitschriften durch die Veröffentlichung seitenfüllender Diskussionsbeiträgen beschäftigen mussten.

 

rundfunk stunde berlin

 

radio chronik 001

 

Rundfunk-Leute glaubten, den Hörer erst mal erziehen zu müssen und schufen einen „Lehrfilm“, welcher im Sinne der Zeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“ (Heft 6, Febr. 1924) ausländische Ausdrücke (so auch „Radio“) verteufelte und unter Punkt 8 konstatierte: „In dem Kreis, den Du übersiehst, sorge dafür, daß Zaungäste ausgerottet werden“.

 

radio chronik 002

 

Nachdem aber die „Unbelehrbaren“ noch immer keine Gebühren zahlen wollten, wurden schärfere Geschütze aufgefahren. „Anpeilen“ konnte man den Schwarzhörer allerdings nur, wenn er mit der Rückkopplung unvorsichtig war. Neue Sender ließen nicht lange auf sich warten. Im März 1924 „funkten“ Leipzig, München und Frankfurt; im Mai Hamburg, Stuttgart und Breslau; im Juni Königsberg und im Oktober 1924 Münster (Köln).

 

radio chronik 003

 

radio chronik 004

 

radio chronik 005

 

radio chronik 006

Rund um die Sender breitete sich das „Radiofieber“ aus. Die Bastel- und Empfangsergebnisse der „Infizierten“ wurden zum Diskussionsthema Nummer Eins und es gab unzählige Publikationen, in denen die an sich gesetzwidrigen Schaltungs- und Bauempfehlungen veröffentlicht wurden. 

Merke: nur die von der „Reichs-Telegraphen-Verwaltung“ gestempelten Röhren-Geräte waren für den Empfang zugelassen.



radio chronik 008

 

radio chronik 009

 

radio chronik 007

Dem Berliner Telefunken-Sender entsprechend war auch der Stuttgarter Sender aufgebaut, welcher am 18. Mai 1924 auf Welle 437 m zu senden begann.