Rundfunk als politisches Instrument - die Geburt des Volksempfängers

Wo eine Wirtschaftskrise ist, droht stets eine Staatskrise. So auch in der deutschen Republik des Jahres 1932. Obwohl die vom Reichskanzler Heinrich Brüning durch Notverordnungen eingeleiteten Maßnahmen zur Wirtschaftsbelebung erste Erfolge zeigen, die Arbeitslosenzahlen sinken, kann Brüning sich im Amt nicht halten. Die schwachen Nachfolger steuern immer mehr ins rechte Lager. Reichstagspräsident Hermann Göring ist der Steuermann. Das Ende der Weimarer Republik: Die NSDAP wird zur stärksten Partei und der 85 jährige Paul von Hindenburg ernennt Adolf Hitler, der erst im Jahr zuvor deutscher Staatsbürger geworden war, zum Reichskanzler. Das geschah 1933 am 30.01., und deshalb sollte er VE 301 heißen - der neue Volksempfänger. Zwei gewichtige Gründe bewogen die Strategen des Dritten Reichs, einen billigen Massenempfänger auf den Markt zu bringen: zum einen sollte er für „Arbeit und Brot" sorgen, zum andern ein Sprachrohr von Partei und Regierung werden. Die Rechnung ging auf. Schon in der Planung als „politische Geräte" bezeichnet, wurden die Volksempfänger ihrer Aufgabe gerecht. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sorgte dafür.

 

radiotechnik Volksempfänger VE 301 W  REN 904, RES 164  und der Gleichrichterröhre RGN 354

 

Drei VE-Modelle bildeten die erste Generation: 

Das Wechselstromgerät VE 301 W mit den Röhren REN 904, RES 164 und der Gleichrichterröhre RGN 354 

Das Gleichstromgerät VE 301 G mit den Röhren REN 1821 und RENS 1823 d

Das Batteriegerät VE 301 B mit den Röhren RE 034, RE 034 und RES 174 d

 

Äußerlich unterschieden sich die Modelle durch Bakelit - und Holzgehäuse. Der Käufer hatte aber nicht etwa die Wahl. Er musste nehmen, was zu seinem Stromnetz passte. Für Wechselstrom gab es nur die Bakelit -, für Gleichstrom und Batterie-Betrieb nur die Holzausführung. Durch die Erst Fertigung von einigen 10 000 Holzgehäusen konnte die Holzindustrie in Thüringen belebt werden; bei solchen planwirtschaftlichen Überlegungen mussten Käuferwünsche zurücktreten. Mit Preisen von 76 RM für die Gleich - und Wechselstrom - und 65 RM für die Batterie -  Version (alle einschließlich Röhren) handelte es sich schließlich um eine außergewöhnlich preisgünstige Geräteklasse (auch Henry Ford konnte es sich leisten, preiswerte, am Fließband gefertigte Autos nur „in Schwarz" zu liefern). Und wie wurden sie möglich, diese Preise? Die höherwertigen Marken - Einkreiser kosteten früher zum Teil fast doppelt so viel. Man könnte sagen, sie wurden von oben diktiert. Jedes Rundfunkwerk musste seiner Fertigungskapazität entsprechend einen Teil der vom Markt geforderten Volksempfänger liefern. Sie hielten nicht viel davon, die Hersteller, rechneten anfangs noch mit einem Verlustgeschäft.

Als aber am ersten Tag der 10. Berliner Funkausstellung mit 100.000 georderten Geräten der Volksempfänger zur Sensation wurde, dämmerte es den Kalkulatoren, dass bei derart großen Stückzahlen doch noch bescheidene Gewinne möglich sein müssten. Und man erkannte einen weiteren Vorteil: die Volksempfänger konnten in den „Saure-Gurken-Zeiten" der Rundfunkwerke gefertigt und auch ausgeliefert werden. Bei den Markengeräten der höheren Preisklasse dagegen hatte sich die Kauflust bevorzugt auf die Weihnachtszeit konzentriert. So versöhnten sich auch die Industriellen schnell mit dem zunächst ungeliebten Kind und der risikolos herzustellende Volksempfänger wurde mit der Zeit, besonders für manch kleinere Fabrik, zu einem notwendigen Standbein. Auch einige Lautsprecher-Fabriken liebäugelten mit der neuen Verdienstquelle und gründeten unter Federführung von Grass & Worff (Grawor) zur VE-Produktion die ,,Rundfunktechnische Erzeugergemeinschaft".

 

radiotechnik - Einiges Reich - einige Wirtschaft

 

,,So kann jeder den Volksempfänger erwerben" - schrieb die ,,Funkschau" im Juni 1934 und polemisierte: ,,Die Schlagkraft einer Staatsform, bei der die Führer ohne Rücksicht auf engstirnige Einzelwünsche frei entscheiden können, den Blick allein gerichtet auf den größten Nutzen für das Volksganze, wurde mit der Schaffung des Volksempfängers aufs deutlichste bewiesen".

Anschließend berichtete die „Funkschau" über die Möglichkeit des VE-Kaufs auf Raten; deren Finanzierungskosten die Elektrizitätswerke übernehmen mussten. So erreichte der VE-Absatz seinen Höhepunkt. Die 1934 insgesamt 1.812.000 in Deutschland verkauften Rundfunkempfänger unterteilten sich wie folgt: 982.000 Stück kamen aus dem breiten Angebot sämtlicher Radiohersteller, die restlichen 830.000, also fast die Hälfte der Gesamtproduktion, waren Volksempfänger.

Ein ungewöhnlicher Erfolg dieses Massenproduktes, das in seinen wesentlichen Teilen im Hause Seiht entstand bzw. von dem damals dort tätigen Chefkonstrukteur Otto Griessing in dieser technischen Konzeption vorgeschlagen worden war. Professor Gustav Leithäuser (TH Berlin) hatte es abgesegnet. Die Gehäusegestaltung stammte von W.M. Kersting. Den ,,rufenden Adler" jedoch, den gab es schon. Ein Herr Riemer soll ihn kreiert haben.

 

radiotechnik  Adler wurde zum Markenzeichen des  Volksempfänger

Der rufende Adler wurde zum Markenzeichen des Volksempfängers. Eigentlich war er zur Kennzeichnung aller deutschen Export-Radioapparate gedacht. 

 

Unkompliziert, einfach im Aufbau, rationell in der Herstellung - das waren die Leitgedanken bei der Konstruktionsvorgabe. Das Audion wurde nur mit einer Triode bestückt, statt eines Stufenschalters für die Antennenspule taten es sieben seitlich angebrachte Steckbuchsen. Man verzichtete auf eine Skalenbeleuchtung und montierte den Netzschalter rückseitig. Dem technisch neuesten Stand entsprach der VE nicht, aber er genügte den Ansprüchen für Ortsempfang und war nicht störanfällig. Allen Werkstätten wurde seine Schaltung schließlich so vertraut, dass es kaum Reparaturprobleme gab. Schon der Lehrling durfte den Volksempfänger reparieren. So konnte sich das Erstmodell des VE 301 W ohne Änderung bis 1937 behaupten und ist aufgrund seiner Massenfertigung heute noch auf Flohmärkten erhältlich.

Das weniger verkaufte Gleichstromgerät war bis 1935/36 in Produktion, wurde dann durch den GW ersetzt und existiert deshalb heute nicht mehr in so hohen Stückzahlen. Es zählt aber noch keinesfalls zu den Seltenen. Nur einer macht die Ausnahme: der Batterie-VE. Schon 1934 gab es einen B2, der mit einer speziellen Anodenstrom-Sparschaltung und den neuen Zwei-Volt-Stiftröhren KC 1 und KL 1 ausgestattet wurde. Der erste VE 301 B mit den alten Vier-Volt-Röhren (2 x RE 034 und RES 174 d) wurde nur ein Jahr lang hergestellt - wegen des geringen Bedarfs in kleiner Stückzahl. Unter allen Volksempfängern ist er die Sammler-Rarität.

 

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In allen Geschäften wurde das NS-Propagandamaterial ausgelegt

Volk und Regierung, Arbeiter der Stirn und der Faust, alt und jung verschmelzen miteinander durch den Rundfunk. So wird der Volksempfänger „VE 301" zum Mittler der großen deutschen Volksgemeinschaft, die Deutschland wieder stark und glücklich machen soll...

 

Verschiedentlich wird der „Volksempfänger" auch heute noch verherrlicht - als herausragende Tat der NS-Propagandaleitung und des Herrn Griessing.
Neu aber war im Grunde gar nichts - an diesem Gerät. Mit geringen Abweichungen (Endpentode statt Triode) glich der ,,VE" dem Emud-Volksradio, das Ernst Mästling schon im Jahr zuvor auf den Markt gebracht hatte. Selbst der niedere Preis war keine Sensation, das Modell von Emud kostete weniger. Auch Hugo Mezger erhob den Anspruch, als erster einen „Volksempfänger" im Programm der Wega gehabt zu haben.

 

 radiotechnik Endpentode statt Triode glich der „VE" dem Emud-Volksradio

radiotechnik WEGA Modelle WEGA 5, WEGA 55, WEGA 66

 Württembergische Radio Gesellschaft Stuttgart

Das 1932er Wega-Gerät hieß noch „Volksempfänger". 1933 durfte Hugo Mezger seine Wega's 55166 nicht mehr so nennen, da fabrizierte er selbst den VE. Das hauseigene Modell hatte eine beleuchtete Skala und es kostete weniger als der VE 301.

Aber auch diese beiden Fabrikanten und Frey (3.29) bedienten sich nicht als erste des Namens Volksradio bzw. Volksempfänger. Dr. Siegmund Loewe bezeichnete 1926 seinen OE 333 als solchen und Erich F. Huth offerierte 1927/28 sein Modell E 72 W mit dem Namen „Vollnetzanschluss-Volksempfänger". Erst als 1933 der VE 301 erschien, wurde der Funkindustrie untersagt, eines ihrer von diesem Gemeinschaftsgerät abweichenden Modelle fortan „Volksempfänger" zu nennen.

 

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