2.6 Die Sender marschierten im Gleichschritt - auf der Empfängerseite gab es noch Individualität

Nicht erst im dritten Reich wurde der Rundfunk verstaatlicht, dafür sorgte schon im Sommer 1932 der damalige Regierungschef Franz von Papen erebnete der braunen Partei den neuartigen Weg zur Volksbeeinflussung. Nachdem dann die Nationalsozialisten das Ruder fest im Griff hatten, ersetzte deren Reichspropagandaleitung auch schnell die altgedienten Rundfunk - und Programmgestalter durch harte Männer des neuen Schlags.
Hans Bredow und weitere demokratisch Gesinnte legten sogleich ihre Ämter nieder und hatten Glück, wenn sie glimpflich davon kamen.

 

radiotechnik Der Reichsverband Deutscher Funkhändler e.V. Berlin

Notiz aus: „Der Radio-Händler", April 1933

 

"Herr Bredow gehört zu den unerfreulichsten Erscheinungen im Rundfunkwesen" - polemisierte der "Völkische Beobachter" im Februar 1933 - ,,Seine Ausschaltung unter der neuen Reichsregierung war eine Selbstverständlichkeit". Auch andere, ,,nicht Anpassungswillige" wurden "ausgeschaltet"; einige on ihnen endeten in einem Konzentrationslager. Vergessen war die früher einmal streng gehütete Überparteilichkeit. In den Programmen wurden neue Schwerpunkte gesetzt, beginnend mit dem musikalischen Repertoire. Den „moralzersetzenden" Jazz-Bands wurde das Lebenslicht ausgeblasen - einige hundert „unbelehrbare" Jazz-Anhänger hatte man inhaftiert. Von nun an mussten sich die Steuergitter der Senderöhren an neue Rhythmen gewöh-nen - Kampflieder sollten jetzt erschallen und Märsche, meist von SA-Kapellen gespielt. Und die Partei-Sprachrohre, von den Führer-Reden bis hin zu Veranstaltungen der Hitlerjugend, erhielten ihre Sendezeiten. ,,Braune Gleichschaltung" wurde oberstes Gebot des von Hadamovsky gesteuerten NS-Reichsrundfunks.

 

Die Zeitschrift „Bastelbriefe der Drahtlosen" ließ im Mai 1933 verlauten:

 

rundfunksender

 

„Die deutsche Funkindustrie nimmt die ,, Gleichschaltung" mit dem neuen nationalen Kurs vor. Der Vorstand des Verbandes der Funkindustrie hat gewechselt, die Geschäftsfahrer des Verbandes, Dr. Michel und Dr. Cohn, werden zurücktreten. Bei der Firma Telefunken sind die Direktoren Gar/ Schapira, Hans Bielschowsky und Franz Kaufmann von ihren Posten zurück-getreten. Neben anderen personellen Änderungen hat Dr. Lolöffel far Dipl.-Ing. Hans Mendelssohn die Pressestelle übernommen."

Dem Wohlwollen der neuen Machthaber mussten missliebige Fachkräfte geopfert werden, zumal dann, wenn sie nicht arischen Geblüts waren (siehe auch Abschnitt 2.11).

„Die deutsche Funkindustrie nimmt die ,,Gleichschaltung" mit dem neuen nationalen Kurs vor. Der Vorstand des Verbandes der Funkindustrie hat gewechselt, die Geschäftsfahrer des Verbandes, Dr. Michel und Dr. Cohn, werden zurücktreten. Bei der Firma Telefunken sind die Direktoren Gar/ Schapira, Hans Bielschowsky und Franz Kaufmann von ihren Posten zurück-getreten. Neben anderen personellen Änderungen hat Dr. Lolöffel far Dipl.-Ing. Hans Mendelssohn die Pressestelle übernommen."

Leicht ließ sich auch verschmerzen, dass man künftig nicht mehr „Radios" sondern nur noch „Rundfunkempfänger" herstellen und verkaufen sollte. Die neuen Herren mochten nur noch deutsche Worte und Begriffe.
„Radio" war aber schon Herrn Bredow nicht deutsch genug. Unter den „10 Geboten für den Rundfunkteilnehmer", welche „Der Radio-Händler" in seinem Heft 6/1924 veröffentlichte, liest man als zehntes:
,, Drücke dich deutsch aus. Weshalb Radio-Broadcasting und dergleichen unverständliche Ausdrücke? Rundfunk ist ein treffendes deutsches Wort und jedermann verständlich".
Und die Radio-Industrie? Sie sah 1933 keinerlei Grund, sich zu beklagen. Schließlich sorgte der Staat mit seiner gezielten Propaganda für rasch ansteigende Rundfunk Teilnehmerzahlen. Steigender Geräteabsatz war die logische Folge.
Wozu auch sollte man sich an „Kleinigkeiten" stoßen  Die Kasse stimmte - gerne applaudierten die geförderten Radioproduzenten der neuen Obrigkeit. Die AEG zum Beispiel passte sich mit ihrer Werbung ganz schnell dem „Gleichschritt mit unserer Zeit" an. Für die Massenveranstaltungen in Sälen und auf Plätzen brauchte man jetzt Großkraftverstärker- und Laut-sprecheranlagen, mit denen sich gutes Geld verdienen ließ.

 

radiotechnik National gesinnte Männer saßen auch in der Schriftleitung der Fachzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk"

 

radiotechnik Nicht mehr "Radio" oder "Funk", sondern "Rundfunk"

 

Radiotechnik 1933 1934 Rundfunk Geräte

Prospektheft der AEG. 1991 ermöglichte die Gesellschaft der Freunde der Geschichte des Funkwesens (GFGF) einen Nachdruck.

 

Nicht mehr „Radio" oder „Funk", sondern ,.Rundfunk''

Der Präsident der Reichsrundfunkkammer gibt folgendes bekannt

,,Bei Veröffentlichungen der Tages - und Fachpresse wer· den im Zusammenhang mit dem Rundfunk die längst überholten Bezeichnungen „Radio" oder „Funk" angewandt. Der Präsident der Reichsrundfunkkammer ersucht, in allen künftigen Veröffentlichungen von diesen Bezeichnungen Abstand zu nehmen und bei Aeußerungen in Verbindung mit dem Rundfunk ausschließlich die Bezeichnung „Rundfunk" anzuwenden, z. B. .,Rundfunkausstellung", .,Rundfunkwirtschaft' ,.Rundfunkgerät", ,,Rundfunkhandlung" usw.
Die Bezeichnung „Funk" hat lür den Tätigkeitsbereich des Rundfunks vollkommen zu unterbleiben, da der „Funk" in Verbindung mit dem achrichtenwesen sein begrifflich klar umrissenes Aufgabengebiet hat."

Dieser Hinweis bezieht sich zunächst auf künftige Verölfentlichungen, für die also nur noch die  Anwendung der Bezeichnun)! ,,Rundfunk" gefordert wird.
Wer die Herausbringung von Katalogen und Kalendern und sonstigen Werbemitteln plant, verwende nur noch das Wort ,,Rundfunk". Die Abänderung z. B. von bisherigen Firmenbezeich nungen in Verbindung mit dem Wort „Radio" wird sich erst nach und nach durchführen lassen, ebenso die Beseitigung des Wortes „Funk"', zumal diese Wortverbindungen häufig auch geschützt sind.

Notiz aus: .,Der Radio-Händler" vom Okt. 1937
Trotz aller Ermahnungen: die Branche wollte nicht vom „Radio" lassen, weshalb dann auch der „Präsident der Reichsrundfunkkammer" seine Forderungen 1937 nochmals durchzusetzen versuchte.
Der Erfolg war mäßig - selbst das „Organ der Fachgruppe Rundfunk der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel" behielt vorerst den Titel .Der Radio-Händler" bei. Erst in der Dezember-Nummer 1938 gab der Verlag (unter dem Druck „von oben") bekannt:
Unsere Zeitschrift .Der Radio-Händler" erscheint ab 1. Januar 1939 entsprechend dem im Rundfunkhandel und in der Rundfunkwirtschaft neuerdings üblichen Sprachgebrauch unter dem veränderten Titel „Der Rundfunk-Händler". Und die Fachzeitschrift .Der Radio-Markt" musste in: .Das Rundfunk-Gerät" umbenannt werden.

Auch der Handel, der im vorausgegangenen Jahr noch glaubte, sein letztes Stündlein habe geschlagen, sah Licht am Horizont. Die neue, von den Radio-Fabrikanten ins Leben gerufene ,,Wirtschaftsstelle für Rundfunkapparate-Fabriken GmbH" beschloss am 28.4.1933 ein für die Nebenerwerbshändler tödliches - Reglement für den Vertrieb von Rundfunkgeräten und schuf damit dem seriösen Einzelhandel ein neues Fundament. Die strikte Einhaltung der „Wirufa"-Bestimmungen, insbesondere die „Preisbindung" betreffend, musste durch die bindende Unterschrift auf dem „Verpflichtungsschein" bestätigt werden.

 

Radiotechnik Mende Preisschutz

 

Wehe dem Abtrünnigen, der auch nur eine Mark Rabatt oder Skonto gewährte - die Preisbindung zu unterlaufen, hatte schwerwiegende Konsequenzen. Ausnahmen gab's nur bei Modellen aus früheren Jahrgängen, die wurden dann zu „preisfreien" Geräten erklärt.
Am 15. Mai 1934 erließ auch noch der damalige „Reichswirtschaftsminister" das „Verbot zur Errichtung weiterer Radioapparate-Fabriken"; die noch bestehenden Firmen waren demnach die alleinigen Nutznießer der einsetzenden Hochkonjunktur (Quelle: ,,Der Rundfunkhandel", Heft 1/1948).
Nun befand sich der Markt in geordneten Bahnen, den Fabrikanten und Rundfunkhändlern ging es gut. Vielleicht sind, verursacht durch die neue Hochstimmung des Handels, solch enthusiastische Äußerungen zu erklären, wie sie für den Prohaska-Katalog 1933/34 von Dr. Eugen Nesper und dem Direktor dieses Handelshauses verfasst wurden:
„Der Rundfunk stellt heute eins der wesentlichsten, wenn nicht das wichtigste Propagandamittel der Regierung dar, und infolgedessen hat auch nicht nur der Ausbau des Rundfunks selbst, sondern aller hiermit im Zusammenhang stehender Organisationen eine grundsätzliche Umgestaltung erfahren". Und weiter: ,,Die nationale Erhebung mit ihren gewaltigen geschichtlichen Vorgängen, deren Zeugen wir sein durften, hat uns auch endgültig den wahrhaft deutschen Rundfunk gebracht. " Niemand störte sich auch daran, wenn der Präsident der Reichsrundfunkkammer, H. Dreßler-Andreß polemisierte: ,,Das Ziel der nationalsozialistischen Weltanschauungsgestaltung ist die gewaltige Lebens- und Schicksalseinheit des deutschen Volkes. Wirkungen auf die Totalität des Volkes hin, auf die Totalität einheitlicher weltanschaulicher Erlebnisse kann am unmittelbarsten der Rundfunk erreichen." Wie denn sollte der Bürger diesen „Schwachsinn" verstehen ... wie die Folgen dieser Politik erahnen. 

 

radiotechnik Kauft - schafft deutschen Arbeitern Brot

Telelunken Sparsuper Nauen

 

Technische Weiterentwicklungen waren auch 1933 nicht aufzuhalten - der Volksempfänger entsprach schließlich nicht jedermanns Wunschvorstellung.
Nachdem die Geradeaus-Empfangsgeräte bis zum Dreikreiser weitgehend ausgereift waren, konzentrierte sich die Neukonstruktionen mehr auf die Superhets. Man versuchte, die aufwändigen Bauarten aus den vorausgegangenen Jahren abzumagern und gelangte dabei zum anderen Extrem, dem „Sparsuper".

Hatten 1932 die Spitzengeräte bis zu acht Kreise (Sachsenwerk Type 335, Seiht Roland 5 spezial u.a.) so kam 1933 - in entgegengesetzter Richtung  der Telefunken-Super Nauen mit nur vier Kreisen auf den Markt.

radiotechnik  Telefunken Super Nauen

Telefunken Sparsuper Nauen

 

Ganz glücklich waren die Besitzer dieses Superhets nicht. Da der Nauen oft über die halbe Skalenlänge Pfeifgeräusche von sich gab, (weil auch der Sender Luxemburg mit seiner geänderten Frequenz auf die ZF-Kreise durchschlug) handelte er sich den Spitznamen ,,Pfeifende Johanna" ein.
Was wohl hatte Telefunken bewogen, einen Superhet mit nur drei Röhren zu bauen, welcher der problematischen, fest eingestellten ZF-Rückkopplung bedurfte? Waren es etwa die hohen Preise der Telefunken-Röhren, die z.B. auch Körting bewogen, ihre Modelle Cyclo-Super von 1933 und Miros von 1934 mit Reflex-Schaltungen auszustatten?

In der Tat - die deutschen Röhren waren im weltweiten Vergleich erheblich überteuert - mehr darüber steht im Abschnitt 2.9.
Natürlich gab es 1933 auch wieder großzügig bestückte Hochleistungsempfänger, wie etwa den Telefunken Bayreuth, den Körting Hexodensuper und andere. Von Jahr zu Jahr wurden sie besser.

Für den Fernempfang stattete man zahlreiche Geräte mit Bereichen für Kurzwellenempfang aus, es wurden sogar Einkreiser mit ein oder zwei Kurzwellenbereichen angebo ten - z. B. das Graetzor-Modell 33 W. Zahlreiche Firmen hatten 1933 die Kurzwelle entdeckt, und zwar die echte. Auch Radios aus früheren Jahren hatten schon Wellenbereich-Schalter „Kurz" die Mittelwelle.

radiotechnik  Cyclo-Super von 1933 und Miros  von 1934 mit Reflex-Schaltungen

 

radiotechnik Einkreis-Empfänger mit 2 Kurzwellen-Bereichen

es war nur ein Einkreis-Empfänger, aber mit 2 Kurzwellen-Bereichen: 15-40 und 25-60 m.

 

radiotechnik Körting-Einkreiser empfing 1933 die Kurzwelle

Auch der Körting-Einkreiser empfing 1933 die Kurzwelle

radiotechnik Hochfrequenz-Vorsatzgerätes für YE 301 W Columbus 55

 

Vorsätze auch zu einem Zweikreiser, sogar zum Superhet erweitert werden. Wenn also auch die deutschen Sender gleichgeschaltet auf der „braunen Linie" lagen - es gab genug einfache und hochwertige Empfangsgeräte, mit denen der Hörer 1933 und danach die Sender der Welt empfangen konnte. Noch viele Jahre währte die Freiheit des Empfangs. In der „Deutschen Radio-Bücherei" erschien noch im Februar des Jahres 1939 ein Buch mit dem Titel „Richtig Kurzwellen-Rundfunk hören!" - es enthielt „Die Kurzwellenrundfunk-Sender der Welt mit Bordbuch".
Die „Bastelbriefe der Drahtlosen" veröffentlichten sogar noch im September 1939 die Bauempfehlungen für einen Kurzwellenempfänger. Ausländische Sender jedoch durfte man zu dieser Zeit schon nicht mehr abhören.

 

radiotechnik 1939 die Bauempfehlungen für einen Kurzwellenempfänger