2.7   Das Lieben-Patent fällt - neue Röhrensysteme - wer "A" sagt

Telefunken hatte, nachdem die Patentprozesse (siehe Kapitel 1.12) abgeschlossen waren, bis 1933 den deutschen Röhren-Markt fest im Griff. Mit Valvo waren vertragliche Abmachungen getroffen worden - die Hamburger konnten ihre Röhren für Ersatzbestückungen verkaufen. Zum Ende des Jahres aber erlosch das „Lieben-Patent" - die „Funkschau" berichtete darüber in ihrem Heft 24/1933.

,,Durften andere Firmen bisher nur Gleichrichterröhren und Spezialitäten wie etwa die Loewe-Mehrfachröhren etc. auf den deutschen Markt bringen, konnte nun der Wegfall des Schlüsselpatentes eine Schleuse öffnen" - richtig gesagt: hätte sie öffnen können.

 

3 reihen telefunken röhren


Indes - die Patentgemeinschaft Telefunken/Philips blickte dieser Gefahr relativ gelassen entgegen, weil sie rechtzeitig durch zahlreiche weitergehende Schutzrechte dafür gesorgt hatte, dass nur schlichte Trioden ohne ihre Absegnung frei verkäuflich wurden - und dafür war der Bedarf schon stark geschrumpft.

 

 

 

Bedenken aber hatten die Advokaten der Patentunion schon. Die Budapester Tungsram-Röhrenfabrik nämlich witterte Morgenluft und warb bereits im Oktober 1933 für ihre, im Ausland schon seit Jahren eingeführten Röhren. Eine neue Konkurrenz hätte nun Preissenkungen zur Folge haben können, wenn da nicht Telefunken/Valvo den mahnenden Finger hoch gestreckt hätte.

 

Pentoden von Philips

Inserat aus: „Die Sendung", September 1930

Die Monopolisten wollten sich nicht in die Suppe spucken lassen und gaben den Tungsram Röhren erst freie Fahrt, nachdem Vereinbarungen getroffen wurden, die auch zum Inhalt hatten, daß ihre Preise denen der vergleichbaren Telefunken - oder Valvo Röhren angepasst. Begraben war damit die Hoffnung auf preisgünstige Radioröhren und die Funkschau meinte in ihrer Ausgabe Nr. 41/1933, was auch wieder sein Gutes hat, denn es wurde so einer Entwicklung in der Richtung vorgebeugt, daß infolge Absatzschrumpfung etwa deutsche Arbeiter aus der deutschen Röhrenfabrikation entlassen werden müssen.

 

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Das 1928er Telefunken- Röhrenprogramm, Inserat aus: ,.Die Sendung", vom März 1928

 

Nun galt es, Fortschritte vorzuweisen, und also kamen 1934 die neuen A - und B-Röhrenserien auf den Markt. Zunächst ein Rückblick: Bis 1930/31 gab es Empfängerröhren mit einem Steuergitter (Trioden) und solche, die mit einem zweiten Gitter ausgestattet waren. Anfangs waren das die Raumladegitterröhren, danach auch die Schirmgitter-Systeme. Hierzulande kamen 1928 diese - auch in ihren Verstärkungseigenschaften wesentlich besseren - Tetroden als Typen RES 044 (später 094) und RENS 1204 auf den Markt. Vereinzelt finden wir sie in unseren Rundfunkgeräten schon 1928, vermehrt 1929.

 

Empfängerröhren mit einem Steuergitter (Trioden)

 

1932 folgten die Regeltetroden RENS 1214 / 1819 mit gekrümmten Ug / Ja-Kennlinien. Die Pentoden - basierend auf dem Patent Telegen (Philips) von 1926 - waren als Lautsprecherröhren (L 416 D bzw. RES 164 d) schon seit 1928 auf dem Markt; ihnen folgten die HF-Pentoden. Das Philips-Patent bereitete Telefunken erheblichen Kummer und es waren nicht nur die beträchtlichen Gebühren, welche an die Holländer abgeführt werden mussten. Telefunken litt unter der Abhängigkeit, bezog auch viele Pentoden von Philips und sah sich genötigt, eigene Entwicklungen voranzutreiben. 1932/33 konnten die Berliner zwei Hexoden-Systeme vorstellen: die RENS 1224 und 1234 bzw. 1824 und 1834. Die Typen mit den Endziffern 24 waren als Oszillator/Mischröhren für Superhets viel besser geeignet als etwa die Tetrode RENS 1204, welche zuvor (z.B. 1932 im SABA 520 W) schon als selbstschwingende Mischröhre eingesetzt worden war.

Wie man heute weiß, war Telefunken selbst, bevor sie die Hexoden 1933 in ihren Großsuper Bayreuth einsetzten, von dem Erfolg solcher Mehrgitterröhren durchaus nicht überzeugt. Im geheimgehaltenen Protokoll vom August 1933 steht:
„Telefunken kann zurzeit noch nicht beurteilen, ob die neu entwickelten, hochgezüchteten Röhren sich auf dem Markt halten werden. Es müssen die kommerziellen Erfahrungen abgewartet werden. Die Möglichkeit besteht, daß die Röhren nicht unbedingt das halten, was man sich von ihnen versprach. Der Fabrikationsausfall von Hexoden hat bis vor kurzem noch 40 % betragen". Telefunkens Befürchtungen bestätigten sich nicht - die Röhren wurden, vor allem in den Mischstufen, recht erfolgreich.

Wie aber ging das früher, als für die Superheterodyn-Empfänger der Zwanziger solche Röhren noch in weiter Feme lagen? Man schaffte es auch mit Trioden. Damals nicht so gut, aber es funktionierte. Der DeTeWe- Neutrohet von 1929 zum Beispiel war noch ausschließlich mit Trioden bestückt. Und es gab ja noch die Röhren mit einem zweiten Steuergitter. Schon 1913 hatte Langmuir (General Electric) die „Raumladungsgitterröhre" erfunden. Schottky (Siemens) hatte 1915 dieselbe Idee und benutzte 1916 das zweite Gitter auch schon als Schutz- bzw. Schirmgitter.
Für den Überlagerer eigneten sich die Nachfolger der frühen Raumladegitterröhren: RE 072 d, RE 073 d und RE 074 d. Als Kombination der Systeme REN 1104 und RE 074 d schuf Telefunken die indirekt geheizte REN 704 d, welche erstmals 1929 im Staßfurt Mikrohet W eingebaut wurde (der Mikrohet stellte den Neutrohet von DeTeWe bereits in den Schatten). Die Firma Telefunken selbst setzte ihre Röhre erst drei Jahre später im ersten Telefunken-Super 650 WL ein. Das war 1932 und in diesem Jahr erschien auch schon eine Zweisystem-Oszillator-Mischröhre, aber nicht von Telefunken, sondern von Loewe. ,,2 HMD" war die Wechselstrom - und „MO 44" die Gleichstrom-Ausführung.

Nachdem Telefunken  wie die „Funkschau" in ihrem Heft 11 vom März 1934 berichtete  nach der Hexoden-Entwicklung ein „Röhren-Feierjahr" eingelegt, also keine neuen Radioröhren herausgebracht hatte, erschien Telefunkens Röhre mit zwei Systemen erst 1934: die von Steimel entwickelte Hexoden-Mischröhre in Kombination mit der Oszillator-Triode. ACH 1 wurde sie genannt, und weil die Erstserie noch alles andere als perfekt war, betitelten die Konstrukteure in den Rundfunklabors diese ,,ACH" wenig respektvoll als „Ach- und Krach-Röhre".

 

Die Firma Telefunken selbst setzte ihre Röh- re erst drei Jahre später im ersten Telefunken-Super 650 WL ein

 

Schließlich würdigte man in der verbesserten Ausführung ihre Qualitäten und so war der ACH 1 ein langes Leben beschieden - dann wurde auch die Überlegenheit der Triode/Hexode gegenüber anderen Mischröhren-Systemen weltweit anerkannt.
Mit ihr beginnend, hat man 1934 für sämtliche Neuentwickelten ein übereinstimmendes neues Typenbezeichnungs-System eingeführt. Es begann mit der A-Serie; das waren die mit 4 Volt Wechselstrom indirekt geheizten Röhren. Angeführt wurde die Serie von der bereits erwähnten Mischröhre ACH 1. Das C bedeutet Triode, das H steht für Hexode.

Wer „A" sagt, muss auch „B" sagen, meint der Volksmund. Also erschien für Gleichstrom-Superhets die BCH 1 mit 24 Volt, bzw. 0,18 Ampere Heizung. Ansonsten gab es zur B-Serie nur noch die Typen BB 1 und BL 2, weil schon 1935 die C-Allstromröhren (mit verringerter Heizleistung) herauskamen und die erst ein Jahr alte B-Serie kaltstellte. Beständig wurde die A-Reihe. 1934 waren neben der ACH 1 schon die Typen AK 1 und AB 1 da. Die AK 1, wie die ACH 1 ebenfalls eine Oszillator- und Mischröhre, enthielt ein Oktoden-System. Eine Duodiode, die AB 1, diente zur HF-Gleichrichtung und Erzeugung negativer Spannung für die Schwundregelung.

 

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Die seltene B-Röhren-Serie von 1934

 

Auch hier ein Rückblick: Anfangs hatte man für die HF-Gleichrichtung den Detektor, und sehr viel später sollte der Kristall-Halbleiter wieder diese Funktion übernehmen. Dazwischen liegt das Zeitalter der Röhre. Es begann mit der HF-Diode, die Fleming schon 1904 erfunden hatte. Nachdem jedoch de Forest bzw. Lowenstein (erst lange Zeit nach der Ersterfindung) entdeckt hatten, dass mit der „Audion" genannten Triode sowohl die HF-Gleichrichtung, als auch eine Verstärkung bewerkstelligt werden konnte, wurde zunächst die (Fleming) Diode überflüssig; das mit der Gitter-Gleichrichtung arbeitende Audion ersetzte sie.

Das ging gut, solange die HF-Spannung am Gitter klein blieb. Um bei höheren HF-Spannungswerten Verzerrungen zu vermeiden, zog man ggf. die (auch als Kraftaudion bezeichnete) Anodengleichrichtung vor. Das hierbei negativ beaufschlagte Gitter sorgt im Ruhezustand für den Anodenstrom Null, so dass ein Stromfluss nur im Verlauf der positiven (HF-)Halbwelle stattfindet. Schon bei der Loewe - Röhre 3 NF bzw. im OE 333 von 1926 wurde dieses Verfahren angewandt. Loewe sparte so die RC-Gitterkombination.

Sie hatte aber auch Nachteile, diese Anodengleichrichtung. Die Verstärkung war schwächer und Differenzen in der Röhren-Charakteristik führten zu Verzerrungen, welche natürlich auch bei Spannungsschwankungen und bei nachlassender Röhrenemission auftraten. Deshalb leistete man sich bei hochwertigen Superhets vereinzelt eine Extraröhre für die HF-Gleichrichtung. Bei einem der Seibt-Roland 5-Modelle von 1932 (es gab davon mehrere Schaltungs-Varianten) wurde z.B. die Triode REN 904 zur Diode umfunktioniert: das Gitter diente zur HF-Gleichrichtung, Kathode und Anode waren gebrückt.

1933 gab es erstmals die „Binoden" genannten Trioden und Tetroden mit zusätzlich eingebauter Diode (REN 924 / 1826 bzw. RENS 1254 / 1854) und 1934 - siehe oben - schließlich die neue Duodiode AB 1 als Einzelröhre. Mit ihr endete die Ära der Stiftsockelröhren, welche bei der Einführung des Rundfunks mit dem vierpoligen Europasockel begonnen hatte. Auch die unterschiedlichen Röhrenbezeichnungen sollten der Vergangenheit angehören- zwischen Telefunken und Philips / Valvo wurden Vereinbarungen über die Vereinheitlichung der neuen Röhrengeneration getroffen. Das betraf auch die neuartigen Sockel - oder waren die etwa doch nicht so neu? Valvo hatte nämlich schon 1925 eine Oekonom-Röhren-Ausführung mit dem kapazitätsarmen Sockel; 1934 wurde er wieder neu entdeckt: der Topf - oder Außenkontakt-Sockel.

 

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Die „kapazitätsarme" Valvo-Topfsockel-Röhre von 1925

 

Philips hatte früher als Telefunken erkannt, dass künftig (wie in den USA) auch in Europa Autoradios gefragt sein würden und kündigte im März 1934 zwei dafür geeignete Röhrenserien an. Die meisten Autos hatten 6-Volt-Akkus, welche mit 6,3 - 6,5 Volt geladen wurden und so versah man einige A-Typen mit einem 6,3 Volt-Heizfaden und nannte sie „E-Röhren". Für Autos mit 12-Volt-Akkus, die mit 12,6 - 13 Volt geladen wurden, entstand die „C-Serie" mit 13 Volt Heizspannung. Und weil sie durchweg 200 mA Stromaufnahme hatten, eigneten sich diese C-Röhren ebenso für die Serienheizung in Allstromgeräten.
Auch bei Telefunken wurden ab 1935 alle neuen Röhrenserien mit den Außenkontaktsockeln versehen. Anstelle der AK 1 aus dem Vorjahr gab es nun die AK 2, statt der AB 1 die AB 2. Letztere allerdings mit beiden Diodenanschlüssen im Fuß, während bei der AB 1 ein Diodenanschluß nach oben herausgeführt war. Deshalb wurde die, noch mit Stiftsockel versehene AB 1 nach wie vor dort eingesetzt, wo sich der Anschluss über die Anodenkappe günstiger erwies.
Und die Nachfolgetype der ACH 1, die „ACH 2" - wurde sie etwa vergessen? Ja und nein. Zwar gab es eine ACH 1 „C'' mit Außenkontaktsockel, aber in unseren Radios sucht man sie vergeblich. Nur in „Geräten der Ostmark und des Sudetengaues" kann man fündig werden. So blieben die ACH 1 und gegebenenfalls noch die AB 1 bis zum Ende der Dreißiger die letzten Stiftsockelröhren.

Die neue C-Serie war jetzt mit einem abgerundeten System-Programm verfügbar. Verbesserte, sogenannte „Schnellheizkatoden" verringerten ihre Anheizzeit. Von nun an wurden die Allstromempfänger mit diesen seriengeheizten 200-mA-Röhren bestückt. Und dann die Sparstromröhren mit 50 mA Heizstrom. Die hätten folgerichtig mit dem Buchstaben D beginnen müssen, aber irgend ein schlauer Mensch fand es besser, sie mit einem V zu versehen (das D erhielt - erst 1940 - eine Stahlröhren-Batterie-Serie ). Anfänglich waren sie eben nur für den Allstrom-Volksempfänger 301 GW vorgesehen, deshalb „V". Es gab 1935/36 nur die VC 1, VL 1 und VY 1. Später kamen die Typen VF 7 und VL 4 dazu und natürlich die VCL 11 samt VY 2, womit 1938 der DKE bestückt wurde. Das schmale Angebot dieser (heizfadenempfindlichen) 50-mA-Röhren reichte nur für sparsame Geradeausempfänger. 1938 und 1939 kamen mehrere, mit V-Typen bestückte Ein - und Zweikreiser auf den Markt.

Auch die Röhren der K-Serie, welche 1934 - zur Bestückung des VE 301 B2 und der mit 2-Volt-Heizakkumulatoren ausgestatteten Kofferradios - mit Stiftsockeln auf den Markt gekommen waren, erhielten 1935 die aktuellen Topfsockel. Neue K-Röhren-Typen ergänzten die Serie. Die E-Serie gab es auch bei Telefunken, aber noch nicht die Stahlröhren. 1935 entsprachen ihre Systeme und Glaskolben denen der A-Röhren, nur die Heizspannung wurde (mit geänderten Katoden) auf 6,3 Volt erhöht. In den Lieferlisten standen: die EB 1, EC 2, EF 1, EF 2, EH 1, EK 1, EL 1 und EZ 1. Die hatte Telefunken auch nur für Autoradios vorgesehen - man hielt für Wechselstrom-Empfänger noch an der 4-Volt-Serie fest, während Philips seine 6,3-Volt-Röhren nach und nach in die Netzempfänger brachte. 1936 konnte man die ersten „roten" E-Röhren der kleineren Bauart in französischen Geräten finden, 1937 galten sie europaweit als die Fortschrittlichsten. Sehr zum Kummer der Telefunken-Gesellschaft, die ihnen den Weg nach Deutschland strikt verwehrte.

 

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Auf der Schadow-Röhrenuhr konnte man die Sockelschaltungen und alle Betriebsdaten ablesen