3.82 Reico, Berlin

reico berlin burosch radiotechnik

 

Die 1919 in Berlin gegründete „Meßtechnische Anstalt Max Reinhardt & Co. GmbH" wurde schon 1922 durch eine funktechnische Abteilung erweitert. Sie produzierte Radio-Einzelteile Ihr den Export. Im Dezember 1923 erhielt Reinhardt die RTV-Zulassung. Die zuerst zugelassenen Geräte: Primär-Detektorapparat Type RFD, Zweiröhren-Sekundärempfänger Type RF 2, Dreiröhren-Primärempfänger Type RF 3 und Vierröhren-Sekundärempfänger Type RF 4. Zuvor hatten die Herren Reinhardt und Getreuer bereits „Reico"-Einzelteile und Experimentiergeräte gebaut.

 

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Nur der Kontaktschieber auf der Vierkantstange trägt die Aufschrift „Reico", ein Typenschild (mit „RFD") sucht man vergebens. Weil zahlreiche Firmen auch Einzelteile für den Selbstbau in den Handel brachten, wäre es durchaus möglich, dass Reinhardt nicht den gesamten Schiebespulenapparat gefertigt hat. Die exakte Verarbeitung lässt jedoch darauf schließen, dass der Detektorempfänger im Bild kein Bastelerzeugnis ist. (Sammlung A. Kofink)

 

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Inserat aus: „ETZ", Sonderheft zur Funktagung des VDE 1924

 

1924 und 25 kamen mehrere Reico-Empfänger mit ein bis sechs Röhren auf den Markt. Steigende Umsätze verbuchte die Firma auch 1926 und 27, als Kurt Getreuer zum Alleininhaber wurde.

 

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Inserat aus: „Der Deutsche Rundfunk", Juli 1925

 

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1925 schrieb der „Radio-Händler" in einer Messevorschau: „Die Güte der Reico-Geräte ist ja hinreichend bekannt, hat doch die Firma Reinhardt bislang etwa 18 000 Röhrenapparate in den Handel gebracht. Durch Erweiterung und Umgestaltung ihres Betriebes ist sie heute den größten Lieferanforderungen gewachsen und in kommender Saison in der Lage, ihr Tagesquantum von 150 Apparaten der vergangenen Saison noch zu überbieten. Die trotz des zur- zeit herrschenden schwachen Sommergeschäfts eingerichtete Massenfabrikation gestattet eine erhebliche Preissenkung, so daß z.B. das neue Reico-Einröhren-Gerät für alle Wellen nur 38 Mk. kosten wird." Das hier abgebildete Reico-Audion RF 1 erhielt am 26.2.25 seinen RTV-Stempel.
(Sammlung A. Kofink)

 

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Die „Wellenlänge in Metern" zeigt die Skala des hier abgebildeten Reico RF 22 aus der Saison 1925/26 an, allerdings nur den Mittelwellenbereich betreffend — die untere ist eine 180-Grad-Skala. Neben dem links eingesteckten Spulenkasten für 200 bis 700 m gab es noch zwei weitere: für 700 bis 1800 und für 1800 bis 5000 Meter. In der nämlichen Saison konnte man das gleich gestaltete Modell auch als Einröhrengerät kaufen.

 

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Zu den besonderen Sammlerschätzen zählt dieser Reico-Vierröhren-Neutrodynempfänger RF 45. Auch bei ihm wurde der RTV-Stempel am 26.2.25 eingeschlagen. Mit dem umschaltbaren Voltmeter konnte man die durch vier Regelwiderstände einstellbaren Heizspannungen kontrollieren. Der Trichterlautsprecher: ein Reico RF 1-88.

 

1926/27 sorgte Reico für eine Überraschung. Angeboten wurden Geräte mit ein bis sechs Röhren, es mangelte also nicht an einem gro- ßen Fernempfänger. Ein Radio-Großhändler in Frankfurt warb dafür im Februar 1926. Reico selbst aber empfahl im Februar 1927 das Frankfurter Fabrikat „Selekta" und vermerkte: „Nach Reico-Schutzrechten und Telefunken-Patenten". Offensichtlich rentierte sich die Fertigung bei Reico nicht, aber auch Selekta kam damit auf keinen grünen Zweig.

 

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Inserat aus: „Radio-Umschau, Februar 1926

 

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Inserat aus: „Die Sendung", Februar, Juli und Oktober 1927

 

Wertvoll sind nicht nur die 1925er Reico-Radios. Dieses Exemplar — es handelt sich um ein Lieblingsstück des Sammlers — galt damals als Referenzmodell des Unternehmens. Wer — das fragt sich der Historiker — waren die Käufer eines solchen Apparates? Das Gerät kostete einschließlich Lizenzgebühr „nur" 706.60, mit dem Original-Unterteil (siehe Abbildung rechts unten aus dem „Prohaska-Katalog" 1927) immerhin schon stolze 896.60 Mark. Dazu kamen die Röhren, die Batterien und der „moderne" Lautsprecher.

 

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Drei Kreise und sechs Röhren findet man in diesem Typ R.F. 266, einem Batterieempfänger von 1927. Auf dem schönen Möbel mit intarsienverzierten Türen steht (aus dem selben Jahr) ein Lautsprecher der Marke Baduf. Den Radio-Tisch (der keinen Batterieschrank enthielt) ließ der spätere Besitzer des Gerätes anfertigen.

 

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Im Bild sind die Mittelwellen-Steckspulensätze erkennbar. Drei weitere — für den Langwellenempfang — sind in einem Abteil der Truhe (links bzw. oben) untergebracht.

 

Wenn sich der Käufer auch noch eine Antenne bauen ließ, musste er mit einem Betrag rechnen, der die Tausend Mark-Grenze um einiges überstieg. Für den Normalverdiener war das Gerät damals unerschwinglich, für den Sammler ist es heute die Rarität.

 

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1928 war das Jahr, in dem Reico die höchste Modellzahl offerierte. 17 (!) Typen waren es, und zwar deshalb, weil jetzt neben den Batteriegeräten auch solche für Netzanschluss gefragt waren. So wur den zahlreiche Modelle in B-, G- und W-Ausführung angeboten. Ab 1930 fielen die Batteriegeräte weg; Eine Typenreduzierung war die Folge.

 

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Bei dem vorn stehenden R.F. 234 W handelt es sich um das erste Reico-Netzanschlussgerät. Seine Endstufe wurde mit zwei parallel geschalteten RE 124 bestückt, deshalb sitzen in diesem Einkreiser (ohne die Gleichrichterröhre) vier Röhren. Insgesamt 17 Gerätetypen hatten Reinhadt & Co. im 1928er Lieferprogramm, darunter auch den dahinter stehenden Zweikreis-Netzempfänger R.F. 55 W.

 

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Nach dem Vorbild des AEG-Geadem kreierte Reico 1929 das Blechpult-Radio und lackierte es in „Holzmaserung" (beim abgebildeten Gerät ist die Lackierung nicht mehr original). Der Zweikreiser R.F. 44 W wurde teils mit 1-Volt-Kurzfadenröhren bestückt: REN 1004, REN 501, REN 601, RES 164 d und RGN 1054.

 

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Das Truhengerät 44 TW mit den Türchen und dem Firmenschild „Reico Kassel" gibt Rätsel auf. Bekannt ist wohl die (im Berliner Werk hergestellte) Type ABC 44 TW, nicht aber, dass in der Reico-Elektrizitätsgesellschaft Kassel etwa Radios produziert wurden. In diesem Zweikreiser sitzt auch kein HF- Schirmgitterrohr, sondern wieder zwei 1-Volt-Kurzfadenröhren.

Für das Modelljahr 1932/33 führte Reico Produkt- Namen ein. Die „Europa"-Serie bestand aus den Modellen Standard, Spezial und Combination; für die „Transatlantik"-Geräte, in denen (wie bei den Europa-Radios) stets der selbe Empfänger eingebaut war, wählte man die Namen ferner Länder.

 

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1929 war von Reico nichts in den Katalogen, dafür 1930 wieder zahlreiche Modelle. Im Schrägpult-Blechgehäuse (hier mit Original- Holzimitation) steckt der Zweikreis-Schirmgitterempfänger 45 W.

 

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1932/33 brachte Reico zwei neue Serien auf den Markt: Europa und Transatlantik. Abgebildet sind die Zweikreiser: Europa Spezial (im Schleiflack-Metallgehäuse) und Europa Combination (im Edelholz-Gehäuse mit elektrodynamischem Lautsprecher. Beide wurden mit je drei Schirmgitterröhren bestückt.

 

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1932 war Reico in die Klasse der Großgeräte vorgestoßen. Nicht nur Oskar Straus bewunderte dieses schöne Modell Havanna, den Vierkreis-Geradeausempfänger, der heute kaum mehr zu finden ist. Ohne eingebauten Lautsprecher hieß er Amerika, als Schrankgerät (ohne Laufwerk) Indien, als Schatulle mit elektrischem Plattenlaufwerk Mexiko. Weitere Schrankmodelle (alle mit dem Vierkreis- Empfänger) hießen Japan, China, Australien und Asien.

 

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Der Wirtschaftskrise zum Trotz hatte sich Reico weiterentwickeln können. Man verzichtete zwar auf einen Superhet, doch mit der bescheideneren „Atlantis"-Serie brachte Reico 1933 wieder Geräte auf den Markt, die in großen Mengen abgesetzt werden konnten.

Die flüssigen Mittel jedoch waren knapp geworden; Herr Brandeis, der Verkaufsleiter, war unter Mitnahme der Firmenkasse in die USA geflüchtet. In der ausweglosen Situation setzte sich auch Kurt Getreuer ins Ausland ab. Im Oktober 1933, nachdem die „Atlantis"-Umsätze eine Rekordhöhe erreicht hatten, Garantieleistungen aber die Gewinne aufzehrten, ging Reico in Konkurs. Die Schlussverteilung wurde — wie „Der Radio-Händler" in seinem April-Heft notierte — am 30. 3. 1938 abgewickelt. Nur die „Reicolit", eine GmbH, welche Phenolharz- Pressteile herstellte, überlebte und konnte ihren Geschäftsbetrieb bis 1970 aufrecht erhalten.

 

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Inserat aus: „Der Radio-Händler", Mai 1934

 

Die letzten Reico-Radios erschienen 1933. In den Radiokatalogen konnte man sie nicht mehr finden, trotzdem wurden noch größere Mengen von ihnen verkauft, auch 1934, als die Berliner Reinhardt & Co GmbH schon pleite war.

 

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Der Reico-Zweikreiser Atlantis-Combination wird nicht nur wegen seiner gefälligen Gestaltung mit der eingebauten „Programm- Leselampe" geschätzt. Das technisch Besondere ist die NF-Verstärkerschaltung nach „Loftin-White", eine galvanische Kopplung zwischen Audion-Anode und Endröhren-Gitter. Die Höhe der durch Summierung beider Anodenspannungen resultierenden Gesamtspannung (über 500 Volt) erfordert beim Restaurieren besondere Vorsicht. Diese Schaltung blieb stets problematisch — entsprechende Reklamationen waren wohl am Konkurs der Firma nicht ganz unschuldig.

Um eine scheinbar große Palette verschiedener Radiogeräte anbieten zu können, ließen sich die Reico-Vertriebsleute (ähnlich wie bei der Transatlantik-Serie) sieben Modellnamen einfallen. Das alles mit zwei Geräte-Chassis: dem des Atlantis und dem des Atlantis jun. Der hatte (lt. Lange-Nowisch) den gleichen Röhrensatz, aber nur einen Kreis. Beide arbeiteten nach dem Loftin-White-Schaltungsprinzip; natürlich nur die Wechselstrom-Typen.

 

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Bei der Loftin-White-Schaltung wurde die Endröhren-Kathodenspannung so hoch gelegt, dass die Vorverstärker-Anodenspannung auf dem Niveau der Endröhren-Gittervorspannung lag.

 

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Das Standard-Gerät hatte keinen eingebauten Lautsprecher.
Bei der Ausführung „Luxor" leuchteten zwei „alabasterartige" Säulen.

 

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Inserat aus: „Der Radio-Händler", Mai 1934. Reico hatte wohl bei den Gehäuse-Bestellungen großzügig disponiert.