Stimmen in der Luft

September 1988. Nach zweijährigen Renovierungsarbeiten erstrahlt Konrad Adenauers bevorzugtes Feriendomizil, die „Bühlerhöhe“, in nie erlebtem Glanz. 150 Millionen Mark hat das Mammut-Hotelprojekt verschlungen, 7,6 Millionen war der Kaufpreis für das marode Gebäude. Nun gleicht die zweistöckige Rotunde in strahlend weißem Marmor, mit seidenen Portieren und echten van Dycks an den Wänden, einem Thronsaal. Nur der alte Mann im Biedermeiersessel paßt nicht so recht in dieses Ambiente. Im unscheinbaren blauen Anzug, das weiße Hemd ohne Krawatte, läßt er den prüfenden Blick über all den Luxus schweifen und sinniert über Geldbeträge, deren Höhe zu erfassen ihm eigentlich keiner abnehmen mag. „Man muß sich doch fragen“, sagt der alte Mann, „was 150 Millionen in zehn Jahren wert sind“, und er hat dafür auch einen Vergleich parat: „Sehen Sie, in Nürnberg kostete die Maß Bier vor zehn Jahren 2,50 Mark, heute muß man acht Mark dafür hinlegen. Mindestens die Geldentwertung wird dafür sorgen, daß wir an der Bühlerhöhe keinen Pfennig verlieren.“ Der alte Mann, auf dessen Konto jährlich rund 60 Millionen Mark „Ruhestandsgeld“ fließen, ist Max Grundig und durch seinen neuesten Coup soeben zum Besitzer seines inzwischen vierten Luxushotels geworden.

Knapp fünf Jahre vorher: Ein Kapitän des deutschen Wirtschaftswunderschiffes, der letzte verbliebene, tritt ab. Seine Energie scheint verschlissen, den letzten Kampf hat der Erfolgsverwöhnte verloren: Sein Euro- Konzept ist gescheitert. Sein Ziel war hochgesteckt, aber weitsichtig: Um der „japanischen Gefahr“ die Stirn zu bieten, hatte er eine europäische Lösung angestrebt, eine Einheitsfront der Branchenriesen in der Unterhaltungselektronik. In einer flammenden Rede hatte der Schweiger aus Fürth, der nie ein Freund großer Worte war, seine Vision vor der EG-Kommission in Brüssel propagiert. Vergebens. Man wollte oder konnte ihn nicht verstehen. Letztlich blieb ihm nur der Alleingang. Um von seiner Idee zu retten, was zu retten war, veräußerte er sein Lebenswerk an Philips, den europäischen Marktführer.

Der Abschied war schmucklos. Keine große Feier, nur einige wenige Worte im kleinen Kreis, dann übergab Max Grundig routinemäßig, so als ginge er nur für ein paar Wochen in Urlaub, das Steuer an seinen Nachfolger auf der Kommandobrücke. Postwendend schickte ihn auch die Presse aufs Altenteil. „Max Grundig steigt zum Berater ab“, titelte die Süddeutsche Zeitung, und Die Zeit konnte sich eine gewisse Häme nicht verkneifen, als sie des neuen Eigners rüde Abfuhr auf Grundigs Angebot, künftig verantwortlich zu zeichnen für das gesamte Produktmanagement, so kommentierte: „Der alte Mann in Fürth, der einmal ein großer war, will das Wort aufhören einfach nicht hören.“

Nur wenige Monate war es her, da hatte es noch anders geklungen im öffentlichen Blätterwald; da waren die Laudatoren scharenweise angereist, um die Symbolfigur des deutschen Nachkriegsaufschwungs zu preisen. Bundeskanzler Kohl schickte eine Grußadresse mit Dank und Anerkennung, Franz Josef Strauß, der bayerische Ministerpräsident, hielt die Festrede, rühmte seinen langjährigen Wegbegleiter als „deutschen Botschafter in aller Welt“, der russische Botschafter Semjonow gratulierte im Auftrag des Ministerrats der UdSSR, und der Jubilar selbst gab sich zu seinem 75. Geburtstag in ungebrochener Kämpferlaune: „Ich habe mit nichts angefangen. Ich stamme aus einer braven, einfachen Bürgerfamilie, die mir zwar viel Mut, Optimismus, eine gesunde Einstellung zum Leben und Freude an der Arbeit, aber keine Mark mitgegeben hat. Heute habe ich über 50 Jahre als erfolgreicher Unternehmer hinter mir. 50 Jahre können Sie nicht immer Glück haben. Dazu gehören Fleiß, Tatkraft, Ideen ... Auch in diesen Tagen ... stelle ich mich der Geschichte, wie ich das immer getan habe. Grundig ist stark genug, allein zu bleiben.“ Es sollte eine der wenigen Fehlprognosen seines Lebens werden.

 

1908

Das begann in Nürnberg, am 7. Mai 1908, einem Donnerstag. Astrologen sollten später die Geburtsstunde Max Grundigs analysieren. Sie fanden Eigenschaften wie Ehrgeiz, Selbstbewußtsein und organisatorisches Talent, eine starke Willenskraft, Führerschaft und die Gabe des Weitblicks: „Dieser Persönlichkeit folgt man gerne. Dazu verhelfen ihm seine geistigen und praktischen Fähigkeiten, die eine Art Magnetismus ausstrahlen.“

Davon wußte der neue Erdenbürger nichts. Er wurde hineingeboren ins Kleinbürgertum, als Sohn des Magazinverwalters Max Emil Grundig und seiner Frau Marie, geborene Hebeisen, und in eine Zeit der Entbehrungen im Gefolge der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Der Vater brachte für die bald auf sieben Köpfe angewachsene Familie von den Herkuleswerken am Monatsende 278 Mark mit nach Hause. Damit konnte man nur das Nötigste fürs tägliche Leben abdecken. „Ich hab von früh bis abend Hunger gehabt“, erinnerte sich Max Grundig später an die Jahre zwischen 1914 und 1918. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Der kleine Grundig war zwölf, als der Vater starb - an den Folgen einer unsachgemäß vorgenommenen Blinddarmoperation. Es war der 24. Mai 1920 - nicht nur ein tragisches Datum für den Jungen, der seinen Vater liebte, auch ein Datum, das sein Leben entscheidend verändern sollte, an dem erstmals die Weichen zu dem gestellt wurden, was er später wurde. Max Grundig mußte arbeiten - so bald wie möglich, denn die elf Reichsmark Rente und das geringe Zubrot, das die Mutter als Stanzerin in den Triumphwerken verdiente, reichten hinten und vorn nicht. Im April 1922 schließlich fand er eine kaufmännische Lehrstelle - bei der Installationsfirma Hilpert. Er verdiente bald 30 Mark, gab das meiste davon zu Hause ab und kaufte für die verbliebenen paar Groschen Taschengeld 100 Meter Antennendraht.

Die brauchte er für seine Basteleien. Denn gerade war das Radio in Mode gekommen, ein Medium, das den inzwischen 16 jährigen mehr faszinierte als alles andere. Da gab es Stimmen in der Luft. Und niemand hörte sie. Niemand sah sie. Aber man konnte sie runterholen. In einen kleinen Kasten. Und das wollte er. Also verbrachte er jede freie Minute in seinem winzigen Zimmer zu Hause und tüftelte an irgendwelchen geheimnisvollen Apparaten, um das gespenstische Stimmengewirr in den Detektor zu zwingen. Er lötete, schraubte, kittete, baute zusammen, auseinander und wieder zusammen, zog quer durch Hof und Wohnung Antennendrähte und hatte schließlich Erfolg: Aus den Kopfhörern kamen die ersten krächzenden Töne. Von nun an hatte sich der Bazillus in ihm festgesetzt, seine Experimentierlust war nicht mehr zu bremsen. Alles, was neu war, zog ihn magisch an.

Nach dem Radio mußte es ein Bildfunkempfänger sein, von dem jetzt erstmals in den Zeitungen zu lesen stand. Weiß Gott, woher er sich das Material organisierte - ein Talent, das sich später noch auszahlen sollte das Ding funktionierte und zauberte dem jungen Grundig  aus kleinen Bildpunkten postkartengroße Fotos vom Max Schmelings K.o.-Sieg über Hartig im Berliner Friedrichshain ins Zimmer. Noch allerdings blieb der „Radio-Spleen“, wie seine Umgebung nachsichtig spöttelte, ein Hobby, das ihn faszinierte, fesselte, ihm jede freie Minute wert war. Sein Geld aber verdiente er in Installateur Hilperts Nürnberger Büro - bis ihn sein Chef nolens volens selbst auf die Idee brachte, sich aus den Angestelltenzwängen zu befreien. Er machte den Juniorkaufmann für den Großauftrag bei einem Klinikneubau zum Filialleiter in Fürth.

Max Grundig war 20, verdiente rund 300 Mark und witterte seine große Chance. Durch geschicktes Verhandeln und Taktieren hatte er sich eine Umsatzprovision ausbedungen. Und die brachte monatlich noch einige Hunderter extra. Außerdem konnte er in dem Fürther Laden endlich seine selbstgebauten Radios offerieren. Der Radio-Manager Grundig hatte erstmals das Terrain betreten, das er einst wie ein Tycoon beherrschen sollte.Vorläufig verführte ihn der finanzielle Segen zu einer privaten Entscheidung, die sich bald als Jugendtorheit herausstellte. Er verliebte sich, heiratete und wurde Vater. Die innige Beziehung zu seiner ersten Tochter Inge hielt ein Leben lang, die Ehe nur kurz.In die Brüche ging auch die Beziehung zu seinem Chef. Denn Chef wollte Max Grundig nun selbst sein. Er hatte gemerkt, daß er das Zeug dazu hatte, daß auf diese Weise Geld zu machen war - worauf also noch wartend 3000 Mark hatte er inzwischen auf die Seite gelegt, 3000 pumpte er bei einem Freund. Einen leerstehenden kleinen Laden hinterm Fürther Rathaus hatte er bereits ausgekundschaftet, nur eine Hürde war noch zu nehmen: Den Mietvertrag mußte - „der Sicherheit halber“, darauf bestand der Vermieter - die Mutter unterschreiben. Die aber weigerte sich, wollte den „Buben“ vor der riskanten Entscheidung bewahren. Es dauerte eine Woche, bis sie schließlich nachgab - immer noch mit der Angst, daß der Max ins Unglück rannte.

 

1928

In Berlin findet die fünfte „ Große Deutsche Funkausstellung" statt, auf der zahlreiche Radiogeräte präsentiert werden. Anläßlich dieser Funkausstellung werden erste Fernsehversuchssendungen vorgeführt, die aber nur wenig beachtet werden.

Mit dieser Einschätzung stand sie beileibe nicht allein. In einer Zeit, die von Wirtschaftskrisen geschüttelt war, das Wagnis einer Geschäftsgründung einzugehen, dazu gehörte nicht nur Mut, sondern auch eine gewaltige Portion Optimismus. Max Grundig hatte beides: Also ließ er am 15. November 1930 beim Fürther Amtsgericht seine erste eigene Firma eintragen. „Daß die Sache hätte schiefgehen können, darüber habe ich nicht eine Sekunde nachgedacht“, kommentierte er später die Grundsteinlegung des Grundig-Imperiums. „Das wäre ja eine Katastrophe gewesen, und so was habe ich gar nicht einkalkuliert.“ Die nächsten Jahre gaben ihm recht: Mit dem kleinen Geschäft in der Fürther Sterngasse, übrigens schräg gegenüber von Ludwig Erhards Elternhaus gelegen, hatte der frischgebackene Jungunternehmer bereits den Instinkt bewiesen, der ihn fortan steil nach oben führen sollte, der ihn als Ausnahmeunternehmer auszeichnete. Er witterte geradezu Trends, roch förmlich Marktbedürfnisse, erkannte blitzschnell Marktlücken und Marktnischen und reagierte mit einer Folgerichtigkeit, daß Konkurrenten nur noch das Nachsehen haben konnten. Bevor die Füchse aus dem Bau krochen, war der Hase Grundig längst schon da.

Die 30er Jahre wurden die Radiojahre. Die Begeisterung für das neue Medium wuchs von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Max Grundig baute auf diese Begeisterung. Er stellte einen Monteur ein, ließ sich die ersten Geräte des Fabrikats „Lumophon“ liefern und versuchte im November/Dezember 1930 mit Anzeigen in der Nordbayerischen Zeitung das noch zögerliche Geschäft anzukurbeln: „Rundfunkgeräte, Lautsprecher und Schallplatten. Lumophon, ,Die Weltmarke', kaufen Sie am besten und zu billigsten Preisen bei der Firma Radio-Vertrieb Fürth, Sterngasse 4. Besichtigen Sie unsere reichhaltige Ausstellung! Kostenlos und unverbindlich wird Ihnen jedes Funkgerät und Lautsprecher vorgeführt. Billigste Preise und beste Bedienung durch unsere Fachleute. Ein sofortiger Besuch ist Ihr Vorteil! Lumophon-Apparate erhalten Sie auf Zahlungs-Erleichterung in monatlichen Raten von Reichsmark 14,10 an.“ Das brachte zwar nicht viele, aber immerhin ein paar Kunden; die Mundpropaganda, insbesondere über die günstigen Preise und den prompten Service, tat ein übriges. Doch noch klingelte die Kasse vorwiegend, wenn Ersatzteile, Batterien, Glühbirnen und Bastelzubehör über den Ladentisch gingen. Dazu kamen mehr und mehr Reparaturen.

Mitte der 30er Jahre begann sich die Wirtschaft zu erholen, die Arbeitslosenzahlen gingen zurück, die Leute konnten sich außer den Lebensnotwendigkeiten auch wieder bescheidene Träume erfüllen. Und dazu zählte für viele ein Radio. Je mehr es gab, desto mehr gingen auch kaputt. Grundig verkaufte, reparierte, stellte einen zweiten Monteur ein, verbrachte die Tage im Geschäft - ab 1934 ein größeres, für Laufkundschaft günstiger gelegenes in der Schwabacher Straße -, die Abende bei Kunden, um auszuliefern, aufzustellen und kaputte Geräte abzuholen. Er informierte sich jährlich bei der Berliner Funkaustellung über die letzten Neuheiten - und hatte das Glück des Tüchtigen. Er profitierte von einem technischen Zwitter: Nürnberg hatte Wechsel-, Fürth Gleichstrom. Wer von Nürnberg nach Fürth zog, oder umgekehrt, dem brannte der Trafo durch. Max Grundig sprang mit beiden Beinen in diese Lücke, stellte Wickelmaschinen auf und versah fortan die durchgebrannten Trafos mit neuen Spulen.

Die Trafo-Kundschaft kam zuerst aus Fürth, dann aus Nürnberg, schließlich bat auch die Konkurrenz, die das Stromgefälle schlicht verschlafen hatte, um Amtshilfe, um defekte Geräte reparieren zu können. Das Geschäft florierte, die Belegschaft wuchs. An den schnell auf acht angestiegenen Wickelmaschinen arbeiteten neue Kräfte, ein Buchhalter, eine Bürohilfe und ein Lehrling wurden eingestellt; auch Max' Schwestern halfen mit und hatten durch den kleinen Betrieb des Bruders ihr Auskommen. Der resümierte 50 Jahre später: „Das mit dem Gleichstrom und mit dem Wechselstrom, das war mein Grundstock.“

 

gg1.2.png

Die Geburtsstunde des Rundfunks. Im Berliner Vox-Haus entsteht 1923 das erste deutsche Studio zur Ausstrahlung von Hörfunksendungen

 

Eine Trafo-Reparatur kam auf 16 bis 60 Reichsmark, bald machte der Laden rund 1000 Reichsmark monatlichen Gewinn. Den steckte der junge Unternehmer, auch das ein Rezept seines damaligen und späteren Erfolgs, sofort wieder in den Betrieb. Er kaufte für seine zwei Monteure einen Lieferwagen, Marke DKW. Mit dem tuckerten die beiden durch die Stadt, der eine lieferte Geräte aus, der andere stellte Antennen aufs Dach. Kurz, der rollende Kundendienst kurbelte den Umsatz nochmal kräftig an. Inzwischen war das Jahr 1938 angebrochen, das für Max Grundig in zweifacher Hinsicht zu einem unvergeßlichen werden sollte. Er heiratete ein zweites Mal -  Anneliese Jürgensen aus Flensburg, die für den hart arbeitenden Geschäftsmann die exotische Welt des Theaters verkörperte. Und er machte seine erste Umsatzmillion. Die weckte in ihm den Ehrgeiz, sich nicht mehr nur mit der Existenz eines mittelmäßigen Einzelhändlers zu begnügen, sondern unter die Kleinproduzenten zu gehen.

Der Schritt dahin lag nahe: Warum sollte er, anstatt Trafos nur zu reparieren, nicht gleich neue herstellen ? Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da hatte er in dem für ihn üblichen Tempo bereits Bleche, Spulenkerne und Draht organisiert, die Fabrikation lief an. Und wie! Schon im ersten Jahr verließen 30.000 Kleinsttransformatoren die Schwabacher Straße. Einen neuen Großkunden und damit den entscheidenden Antrieb gewann Grundig durch den Kriegsausbruch 1939. Die Wehrmacht schickte ihre kaputten Geräte zur Reparatur, ließ alte Transformatoren wickeln, orderte neue. Auch als der Inhaber schließlich eingezogen wurde, hielt sein Meister die Produktion aufrecht - ein Glücksfall für die junge Firma.

Glück hatte auch Max Grundig selbst. Nach einem Gastspiel als Obergefreiter in Paris, gelang es ihm mit allen möglichen Tricks Schweijkscher Machart, in die Transportkommandatur nach Nürnberg versetzt zu werden, wo er nachts im Bunker seinen Dienst versah und tags sein Geschäft managte. Um das durchzuhalten, braucht man einen eisernen Willen und eine schier unmenschliche Energie. Aber seine Anwesenheit war dringender nötig denn je. Der näherrückende Bombenkrieg erzwang eine Auslagerung der Produktion.Grundig landete im nahen Dorf Vach, wo er erst zwei, dann drei leere Wirtshäuser anmietete. Dort, im Tanzsaal der „Linde“ und in der Kegelbahn des „Roten Ochsen“, ließ er seine Wickelmaschinen aufstellen. 100 bis 200 defekte Transformatoren waren jetzt das Tagespensum. Die Wehrmacht schickte sie, dazu Radiohändler aus dem ganzen Reichsgebiet.

 

1940

Die deutschen Rundfunksender beginnen mit der Ausstrahlung eines Einheitsprogrammes für das gesamte Reichsgebiet. Die Sendungen dienen zentral der Kriegspropaganda. Nur vormittags dürfen noch regionale Programme ausgestrahlt werden. Der Radio-Vertrieb Fürth wurde zunehmend wichtig, mit der Konsequenz, daß das Wehrbezirkskommando den so unersetzlich gewordenen Max Grundig 1943 UK - unabkömmlich - schrieb. Er konnte seine Kraft wieder ganz seiner Arbeit widmen.

Auf diesen jungen Unternehmer, der sich dazu noch durch raren Pioniergeist auszeichnete, war inzwischen auch die Großindustrie aufmerksam geworden. Durch die Kriegserfordernisse aufs äußerte angespannt, brauchte sie ebenso gute wie verläßliche Zulieferer. So kam sie auf Max Grundig, der 1944 schon mehr als 50.000 Kleintransformatoren in eigener Regie herstellte. Das allerdings, was eines Tages der Elektro-Riese AEG von ihm wollte, überstieg selbst seine, gewiß nicht niedrig angesetzten Maßgaben: fünf- bis zehntausend Transformatoren an einem Tag - unvorstellbar!

Doch Grundig wäre nicht Grundig gewesen, hätte er das Angebot nicht angenommen. Der Auftraggeber stellte Material und Arbeitskräfte, 150 ukrainische Fremdarbeiterinnen, und Grundig produzierte - so gut, daß sich bald schon Siemens mit dem selben Wunsch meldete. Die Aufträge an das hervorragend funktionierende Kleinunternehmen wurden immer diffiziler. Unter primitivsten Bedingungen entstanden jetzt in den fränkischen Dorfwirtschaften kriegswichtige Präzisionsteile, Steuerungsgeräte für die V1- und V2-Raketen, dazu elektrische Zünder für den Panzerschreck.