Vom Heinzeimann zum Weltklang

 

Als der Krieg im April 1945 zu Ende war, hatte sich Max Grundig nicht nur als Unternehmer bestens bewährt, sondern auch ein Vermögen von 17,56 Millionen Reichsmark angesammelt. Er war 37 Jahre alt und wußte genau: Er würde seine Maschinen, die jetzt zwangsweise Stillständen, wieder zum Leben erwecken. Er wollte weitermachen, er mußte neu anfangen.

Daß ihm das unerwartet schnell gelang, lag nicht nur an dem Glücksumstand, daß sein Geschäft in der Schwabacher Straße heil geblieben war, sondern auch daran, daß er die ukrainischen Mädels immer gut versorgt hatte. Wie Konstantin Prinz von Bayern in seiner Biographiensammlung Die großen Namen dem Max Grundig nachrühmt, hatte er für seine Zwangsarbeiterinnen immer freundliche Worte und Blicke und, „was noch wichtiger für sie war, immer Brot.“ Sie revanchierten sich, indem sie „ihre“ Firma bewachten, Maschinen und Materialbestand vor Übergriffen schützten und so dem deutschen Fabrikanten Hab und Gut retteten.

Mit Handkarren schaffte Grundig seine Werkzeugmaschinen und Vorräte im Frühjahr 1945 zurück nach Fürth, und schon im Juni konnte er weiter am Erfolg wickeln. Seine neuen Kunden waren Gis, die der Nürn- berg-Fürther Gleichstrom/Wechselstromfalle hilflos ausgeliefert waren. Kaputte Trafos und Sicherungen zuhauf. Max Grundig krempelte die Ärmel hoch, besann sich auf seine alten Tugenden und legte los. Schneller als andere hatte er den Schock der Niederlage und Unsicherheit überwunden. Als einer der ersten hatte er begriffen, daß in der angebrochenen Stunde Null auch alle Möglichkeiten des Aufstiegs lagen, wenn man sie nur erkannte und nutzte.

 

1945

Die Firma Radio-Vertrieb Fürth reparierte wie in ihren besten Tagen, wickelte Transformatoren, zauberte aus zwei kaputten Radios ein funktionierendes. Dafür gab’s immerhin eine ganze Stange Lucky Strikes. Machte umgerechnet 700 bis 1000 Reichsmark, je nach Kurswert auf dem Schwarzen Markt. Denn bezahlt wurde jetzt in Naturalien, bevorzugt in Zigaretten, die gegen benötigte Ersatzteile und Lebensmittel getauscht wurden. Amerikanischer Tabak bestimmte die Währung und verhalf Max Grundig, bei dem sich die Amerikaner, ihre kaputten Radios unterm Arm, die Klinke in die Hand gaben, zu einem Leben ohne materielle Sorgen.

Andere hätten sich damit vielleicht zufrieden gegeben, hätten den satten Bauch gepflegt und sich des Erreichten gerühmt. Nicht so Max Grundig. Er wollte mehr, er wollte Radios machen. Und dieses Ziel, das er schon mit sechzehn hatte, ging er jetzt an. Hartnäckig, konsequent und entschlossener denn je - zumal ihn auch die Tauschhändler drängten, nicht nur Hilfsmittel für den Radiohandel zu produzieren, sondern komplette neue Radiogeräte zu bauen, um Ersatz für die vielen von der Besatzungsmacht beschlagnahmten Empfänger zu beschaffen. Die alte Rundfunkindustrie war völlig ausgeschaltet; die Betriebe der altrenommierten Firmen wie Telefunken, Blaupunkt, Graetz, Schaub, Loewe und Mende lagen zu 80 Prozent in Berlin oder in Mitteldeutschland, waren dort demontiert oder enteignet worden und faßten in westdeutschen Ausweichquartieren nur langsam Fuß. Im größten konzernfreien westdeutschen Rundfunkwerk Saba in Villingen hatten sich französische Besatzungssoldaten eingenistet.

Fazit: Funktionierende Rundfunkgeräte waren absolute Mangelware, doch die Menschen, nach Entbehrungen und Bombennächten ausgehungert nach ein bißchen Zerstreuung, sehnten sich nach Ablenkung vom tristen Alltag. Und die konnte ihnen das Radio bieten, preiswert und bequem. Dazu endlich wieder die Verbindung zu einer Welt jenseits von Trümmerhaufen, Ruinen und Bezugsscheinen. Noch waren da allerdings die Alliierten und ihre Bestimmungen. An ihrem „No“ scheiterten Max Grundigs erste Radio-Ideen, „Floh“ und „Gnom“, einfache Einkreiser, die ihm ein damals stellungsloser Rundfunkingenieur konstruiert hatte. Als Trostpflaster blieb der Umzug in eine stillgelegte alte Spielwarenfabrik, wo die aus allen Nähten berstende Firma endlich Raum genug fand, und ein neuer Verkaufshit: Meßgeräte, die zur Reparatur heilgebliebener Kriegsradios dringend gebraucht wurden. Als die anderen Radiohändler mit zunehmend hilflosem Achselzucken nicht mehr ein noch aus wußten, wie der Flut der Funkveteranen Herr zu werden, hatte Max Grundig wieder mal die richtige zündende Idee im richtigen Moment. Er baute das Röhrenprüfgerät „Tubatest“ und das Fehlersuchgerät „Novatest“, landete damit einen absoluten Bestseller und war sich dennoch sicher, daß dies nur eine, wenn auch lukrative, Zwischenstation auf dem Weg zum selbstgesteckten Ziel sein konnte.

Wie er das trotz der bürokratischen Schranken erreichen konnte, das beschäftigte ihn weit mehr als die Tatsache, daß seine Belegschaft inzwischen auf 42 Köpfe angewachsen war, die bereits im Dezember 1945 Geräte im Wert von 68.000 Reichsmark fabrizierten. Ein Jahr später hatte er es gefunden, das Ei des Kolumbus. Hatte einen Geniestreich ausgeknobelt, der ihn geradewegs in den Olymp der Unterhaltungselektronik führen sollte. Das Ganze war so einfach, daß sich jeder, der nicht darauf gekommen war, die Haare raufen mußte: Das Radio sollte ein Spielzeug werden, und das herzustellen und zu vertreiben, konnte ihm niemand verbieten. Das zu kaufen, brauchte man auch keinen Bezugsschein. Max Grundigs inzwischen legendäre Idee war der „Heinzelmann“, als Baukasten de jure ein Spielzeug, de facto ein Radio. Die Montage war so einfach, daß auch technisch unbegabte Käufer den Heinzelmann in kurzer Zeit zusammenbasteln konnten; nur die Röhren mußten beim Händler separat erworben werden.

Damit waren die US-Vorschriften unterlaufen. Was er jetzt noch brauchte, waren zwei fähige Mitstreiter, die er schnell fand: den ehemaligen Telefunken-Elektroingenieur Hans Eckstein, der die Pläne fertigte, und Otto Siewek, der die Vertriebsorganisation aufbauen sollte (später Grundigs Generaldirektor). Max Grundig selber übernahm den schwierigsten Part: Er beschaffte das Material. Die AEG schuldete ihm noch 4,5 Millionen Reichsmark und bezahlte mit Kupferdrahtrollen, Siemens stand noch mit 6,5 Millionen in der Kreide und lieferte dafür 200 Tonnen Bleche. Oft waren die Umstände auch mehr als abenteuerlich. Die Kunststoffdämmung etwa bestand aus der sogenannten Füllmasse ausgeschlachteter Bomben-Blindgänger. Das gelbe Zeug, das tonnenweise abfiel, wurde schwarz eingefärbt und als Kunststoff für den Heinzelmann-Bausatz verwendet.

 

1946

Am 10. August 1946 wurde die Radio-Produktion bei Grundig amtlich. Die Landesstelle für Eisen und Metalle in München erteilte eine vorläufige Betriebserlaubnis für „Rundfunkgeräte-Baukästen“, im Oktober verließen die ersten Heinzeimänner die nun zur regelrechten Fabrik angewachsene Firma: insgesamt 75 Stück, die Front wahlweise in Eiche oder Nußbaum, das Allstromgerät zu 176, das Wechselstromgerät zu 189 Reichsmark. Bis Jahresende war die Zahl auf 391 angewachsen, das bedeutete: In rund 400 Familien war der Kontakt zur Außenwelt wiederhergestellt. Gab’s Musik, Unterhaltung, Information aus dem Äther. Man konnte wieder „feindliches Ausland“, Jazz und BBC hören. Grundig wußte, was das für die Menschen bedeutete: „Ich mußte Radios bauen. Die besten. Die billigsten. Die Leute brauchten Radios.“

Und wie. Kaum fertiggestellt, wurden ihm die Heinzelmänner schier aus den Händen gerissen. Denn mittlerweile hatte Grundig in vielen Teilen Westdeutschlands wendige Händler, die sich auf dem Schwarzmarkt auskannten, als Werksvertreter installiert. Auf dem Zenit der damit begonnenen Weltkarriere erinnerte er sich: „Was bis zum Abend fertig war, ging noch am selben Tag raus. Viele Händler holten die Baukästen selber ab. Da wurde bar bezahlt, und an manchen Tagen hatten wir soviel Geld eingenommen, daß wir es abends gar nicht zählen konnten. Dafür war keine Zeit. Die Scheine kamen einfach in eine große Kiste.“

Auch die Presse wurde jetzt auf den Tüftler in Franken aufmerksam. In der führenden Fachzeitschrift Funkschau erschien im Januar 1947 ein überschwenglicher, ganzseitiger Artikel, der der Firma RVF, Fürth, einen „für die Rundfunktechnik neuen, erfolgreichen Weg“ bescheinigte. Besonders hervorgehoben wurde, daß sich durch die sorgfältig entwickelte Schaltung „bei sparsamster Materialanwendung Höchstleistung erzielen lassen. So wurde unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Markdage bewußt auf jedes irgendwie nicht erforderliche Einzelteil verzichtet.“ Und weiter hieß es: ,,... läßt sich die Einzelmontage in wenigen Minuten bewerkstelligen.“

Trotz des nicht zu bremsenden Booms mit dem Erfolgsmodell - in einem Jahr wurden insgesamt 12.000 Stück des Heinzelmanns abgesetzt -, kannte Max Grundigs Unrast keine Pause. Eine Notiz in den Nürnberger Nachrichten vom 12. Januar 1946 hatte ihm Hoffnung gemacht, endlich ein komplettes, ein „richtiges“ Radio bauen zu können. „Die Tausende und Abertausende von Hörrn in Stadt und Land“, hieß es dort, „die Tag für Tag ihre nicht mehr funktionierenden Rundfunkgeräte nur mit stillem Ingrimm und einem Seitenblick auf das Beil ansehen können, wird es zwar nicht trösten zu hören, daß in der amerikanischen Zone allein von etwa zweieinhalb Millionen in Gebrauch befindlich gewesenen Apparaten nur noch ca. 500.000 Stück einwandfrei arbeiteten. Denn gemeinsames Leid ist hier leider nicht geteiltes Leid ... Aber es zeigt sich schon ein Silberstreifen am Horizont. Aus Stuttgart kommt die erfreuliche Kunde, daß für das Jahr 1946 die Fabrikation eines Drei- bis Vier-Röhren-Einheitempfängers für die amerikanische Zone vorgesehen ist, der in einer Auflage von 150.000 Stück auf den Markt kommen soll. Zwei Drittel davon sind für die Zivilbevölkerung bestimmt.“ Grundigs Ehrgeiz war geweckt, bei diesem Geschäft wollte er ganz vorne dabei sein, seinen Vorsprung vor den etablierten Firmen nutzen. Im Kopf des Fürther Radio-Pioniers tackerte es. Heftig und unaufhörlich. „Wie steht es mit der Entwicklung des nächsten Gerätst“, fragte er im September desselben Jahres bei seinem Ingenieur Hans Eckstein nach, als dieser noch mitten in den Feinheiten des Heinzelmann-Konzepts steckte. Mit diesem nächsten Gerät wollte Max Grundig den großen Wurf landen. Hier lag der unternehmerische Folgemarkt. Mit 5000 Supergeräten, dem „Weltklang“, wollte er dort einsteigen.

 

1948 

In Bayern wird ein Gesetz zur „Errichtung und die Aufgaben einer Anstalt des Öffentlichen Rechts" erlassen und damit der Bayerische Rundfunk gegründet. Der Sender übernimmt die Aufgaben und die Technik von „Radio München". Während ringsum angesichts der galoppierenden Inflation die Unsicherheit wuchs und in gleichem Maß die Bereitschaft zu investieren sank, ließ sich Max Grundig davon nicht beirren. Er produzierte, stellte Leute ein, produzierte, stellte noch mehr Leute ein. Ende 1947 waren es bereits 291, die sich in den vier Stockwerken der ehemaligen Spielzeugfabrik auf die Füße traten.

Der erreichte Jahresumsatz von vier Millionen Reichsmark erlaubte es Grundig, endlich das bei der Stadt längst monierte größere Grundstück einzuklagen. Er bekam es, auf dem Gelände einer ehemaligen Heilquelle an der Stadtgrenze zu Nürnberg, Kurgartenstraße 37. Dort wurde am 3. März 1947 der erste Spatenstich für den späteren Grundig-Konzern gefeiert, bereits im September zogen - nachdem der Chef persönlich beim Bau der sechs Steinbaracken kräftig mit Hand angelegt hatte - die ersten 280 Mitarbeiter um, und schon einen Monat später begann die Produktion des „Weltklang“ mit drei Wellenbereichen, Vollsichtskala, Gegenkopplung, Schwungantrieb und Vier-Watt-Orchesterlautsprechern - ein Traumradio für Millionen.

Die Konkurrenz kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was auch immer sie plante, Grundig war schneller. Mit Urgewalt brach er buchstäblich in eine Industriegruppe ein, die ihre wohlverdienten Rechte durch eine Überfülle von nationalen und internationalen Patenten abgesichert hatte. Bis zur Währungsreform im Juni 1948 hatte er bereits 1316 „Weltklang“ auf den hungrigen Markt geworfen - für rund 500 Reichsmark. Denn dieser Max Grundig hatte gegenüber den großen etablierten Firmen einen entscheidenden Vorteil. Hatten diese den Krieg überstanden, mußten sie sich mit veralteten Fabriken abplagen, mit überholten Maschinen, mußten sich erst einmal völlig umstellen. Das kostete Zeit und Geld und machte sie schwerfällig. Max Grundig hatte solche Hypotheken nicht als Klotz am Bein. Er fing von vorn an, setzte von Beginn an auf neue Fabrikationsmethoden, war fix, flexibel, und er steckte jede verdiente Mark wieder ins Unternehmen. Er brauchte keinen Aufsichtsrat zu fragen, er mußte keinen Teilhaber zufriedenstellen - er war absolut unabhängig. Wie das gelang, dafür hatte er eine einfache Erklärung: „Ich rührte keinen Backstein an, den ich nicht selbst bezahlen konnte. Ich brauchte kein fremdes Geld.“

Wie wahr. Denn noch immer lebte nicht nur Grundig mehr oder weniger vom Tauschhandel. Den größten Coup brachte ihm ein französischer Offizier ein. Der erschien eines Tages in Fürth, orderte 3000 Heinzel- mann-Baukästen - und bezahlte mit 30 Millionen schwarzer Zigaretten und 5000 Kisten Tabak. Die Transaktion erforderte einen Sattelschlepper; um die heißen Dinger lagern zu können, mußte eine Scheune angemietet werden. Doch dort lagerten sie nicht lange. Eingetauscht erbrachten sie 30 Waggons Kohlen, abzuholen am Nürnberger Rangierbahnhof, auf den allerdings die Behörden ein scharfes Auge hatten. Das drückten sie nur zu, wenn sie an dem Deal beteiligt wurden. 10 Waggons für die Stadtverwaltung, 10 Waggons fürs Krankenhaus, die restlichen zehn konnte Grundig dann ganz legal für sich behalten. Der freilich brauchte im Moment weit dringender als Kohle Zement, um sein neues Werk in der Kurgartenstraße voranzutreiben. Der Kurs stand 1:1. Für einen Waggon Kohle einen Waggon Zement. Aber auch da mußten die städtischen Mitwisser zum Stillhalten verdonnert werden. Das kostete fünf Waggons für den Bauhof in Fürth, mit den restlichen fünf baute Grundig als wahrer Hans im Glück seine erste Fabrik.

Das Geld, das er dort investierte, war gut angelegt, denn über Nacht war die Mark nur noch zehn Pfennig wert. Die Währungsreform am 20. Juni 1948 bescherte jedem Bürger ein bescheidenes Startkapital von 40 DM, der lange gelähmten Wirtschaft aber gab sie endlich den Startschuß, richtig loslegen zu können. Das hatte Max Grundig zwar schon vorher getan, doch nun, nachdem er auch die Firma von RVF auf Grundig Radio Werke GmbH umgetauft und endlich mit seinem Namen identifiziert hatte, zog er wie eine Lokomotive allen davon. „Ohne die freie Marktwirtschaft, also ohne die Freiheit des Unternehmers wäre mein Erfolg undenkbar gewesen“, gab er Jahre später in einem ZDF-Interview zu Protokoll.

In den Gründerjahren hatte er zum Philosophieren wenig Zeit. Er parierte und agierte, ganz nach den gebotenen Chancen. Und die lagen offen. Die Mangelware Rundfunkgeräte war so verlockend, daß große Familien schon in den ersten Wochen nach dem Währungsschnitt ihre Kopfquoten zusammenlegten und sich als erste größere Neuanschaffung einen Grundig-Apparat leisteten.Am 23. März 1949 hatte er den 100.000sten Heinzelmann hergestellt, 800 Beschäftigte standen in 25 Werkhallen und Verwaltungsgebäuden bei ihm in Lohn und Arbeit, er war mit 20 Prozent Marktanteil größter Radiofabrikant der Republik. Längst war er der Tempomacher, und das bereitete ihm sichtlich Spaß. Die Geister, die er selbst gerufen hatte, wurde er nun nicht mehr los, wollte sie gar nicht loswerden, zumal der Erfolg auf seiner Seite war: Zum wahren Publikumshit entwickelte sich der lange anvisierte Heinzeimann-Nachfolger: der 4-Röhren-Super „Weltklang", nach damaligen Begriffen das erste Gerät, das sich optisch mit seinem Holzgehäuse von den primitiven Kriegs und Nachkriegsfabrikaten aus Bakelit abhob und schon allein aus diesem lapidaren Grund bedeutend mehr Anklang fand als ein ähnlich leistungsfähiges Gerät, das mehrere alte Firmen gemeinsam herausbrachten: ein Super mit Kunststoffgehäuse.

 

1950

Der Bayerische Rundfunk beginnt mit der Ausstrahlung von UKW-Sendungen. Die Empfangsqualität wird damit wesentlich verbessert. Die Programme werden aber gleichzeitig auf Mittelwelle ausgestrahlt, da viele Geräte keinen UKW-Empfang besitzen.

Gab es in der schnell durchorganisierten Maschinerie dennoch Pannen, wußte der Firmenchef sie auf seine Weise zu beheben. Das geschah, als sich eines der ersten fünf Modelle, der Grundig-Typ 268, als ausgesprochener Versager herausstellte. Es hagelte Reklamationen. Wütend riß Grundig daraufhin in seiner Rundfunkgeräte-Fabrik den Riemen von der Transmissionsscheibe. Dann schloß er den Leiter des Entwicklungslabors Hans Eckstein und die Techniker, die den Fehler verschuldet hatten, in ihre Arbeitszimmer ein und verlangte von ihnen binnen kürzester Frist ein fehlerfreies, pannensicheres Gerät. Um sie bei Kraft und Laune zu halten, ließ er ihnen durch ein Fenster üppige Mahlzeiten reichen, begleitet von einer seiner Standard-Redensarten, die noch oft zitiert werden sollte: „Dös alles von meim Gold." Die Klausur erwies sich als wirksam: In drei Tagen hatten die Techniker den Typ 268 zur Zufriedenheit ihres rabiaten Chefs umkonstruiert.

Max Grundig war jetzt 40 Jahre alt, im besten Unternehmeralter. Dazu eine wahre Ideenfabrik, aus der es nur so sprudelte, ein knallharter Rechner, ein fanatischer Arbeiter und besessen von einer Mission: Er wollte die junge Republik zu einem Radioland machen. Sein Rezept war einfach. Es hieß - wie später bei der japanischen Konkurrenz - billige Massenproduktion. Geräte zum erschwinglichen Preis, bei ständig verbesserter Qualität, mit immer neuen technischen Raffinessen und von jener schaurig-protzigen, klobigen Schönheit, für die die Nachkriegsdeutschen ihr Herz entdeckt hatten. Damit überschwemmte er den Markt.

Der Name Grundig wurde zu einem Begriff. Das legendäre „magische Auge“, die erste elektronische Frequenzanzeige, wurde sein Markenzeichen, trug dazu bei, daß er im Bekanntheitsgrad bald alle etablierten Konkurrenten überrundet hatte. Kaum eine Wohnstube, in der nicht ein Radio vom Typ „Weltklang“ stand, kein Freibad, kein Campinplatz, auf dem nicht das erste deutsche Kofferradio Grundig-„Boy“ plärrte, kaum eine Sekretärin, die Grundigs legendäres Diktiergerät „Stenorette“ nicht kannte, kein HiFi-Freak, der sich nicht um das stoffbespannte Radio „Zauberklang“ mit „Wunschklang“-Register gerissen hätte, einen jener Kästen mit elfenbeinfarbenen Drucktasten, zu deren erfolgreicher Betätigung es vor allem eines stabilen Fingers bedurfte. Und wer auf sich hielt, der wollte unter den ersten sein, die 1957 ihr Zuhause mit dem krummbeinigen „Stereo- Konzertschrank 7025“ aufwerteten, der zwingenden musikalischen Ergänzung zum Nierentisch.

Auch Der Spiegel konnte jetzt nicht mehr an dem Selfmademan aus Fürth vorbeisehen. „Wenn er sich gegenüber der erstarkenden Konkurrenz mit dem Glanz alter Namen behaupten wollte“, fand Deutschlands renommiertes Nachrichtenmagazin heraus, „mußte er zwei Aufgaben meistern: Die Geräte mit dem traditionslosen Namen Grundig mußten technisch höher gezüchtet werden als alle übrigen deutschen Fabrikate; und sie mußten billiger sein oder zumindest preisgünstiger erscheinen.“ Man konnte in der Hamburger Redaktion allerdings auch nicht umhin, dem Newcomer Respekt zu zollen: „Grundigs Eifer auf technischem und verkaufspsychologischem Gebiet spornte auch die anderen Firmen an. Sobald sie ihm auf den Fersen waren, griff er zu einem Abwehrmittel, das die Konkurrenten als sehr unangenehm empfanden: Er senkte die Preise und tat das in Etappen so oft, daß er den Verbrauchern demonstrierte, wieviel Luft noch in den Kalkulationen der Firmen steckte.“ Soweit ein Vorgriff auf ein Jahrzehnt, das für die Bundesrepublik das alles überrollende Wirtschaftswunder bedeutete, für Max Grundig als Günstling, Schrittmacher und Wunderkind der freien Marktwirtschaft den Gipfelsturm zur unternehmerischen Spitzenposition, zur Nummer eins der deutschen Unterhaltungsindustrie.