Max Grundig wird führend in der Radiobranche

1948 stand Max Grundig noch in den Startlöchern - allerdings mit den besten Empfehlungen für den Titelgewinn. Die schon erwähnte Funkschau, die seit dem Heinzelmann-Coup den findigen Kopf aus Fürth fest im Auge behielt, fand im August diesen Jahres erneut Anlaß, ihn ins Blatt zu heben: „Kenner des deutschen Marktes haben dem ,Weltklang‘-Super (einem gegenüber der Erstausgabe inzwischen verbesserten Modell mit Sechskreis-Hochleistung und vier Wellenbereichen) einen guten Start vorausgesagt. Sie ahnten jedoch nicht, daß dieser Super nach Aufhebung der Gerätebewirtschaftung einen geradezu sensationellen Erfolg haben würde, der in erster Linie auf die ausgezeichneten Eigenschaften des Geräts, aber auch auf den in dieser Klasse vorteilhaften Preis zurückzuführen ist.“

Unter eher lokalem Aspekt sahen die Nürnberger Nachrichten das Phänomen, das sich am Fürther Stadtrand ereignete: „... vor allem der Absatz an Radios durch die Fürther Betriebe gewährleistet, daß diese Industrie auch künftig als einzige Arbeitskräfte einstellt.“ 65o waren es bereits, die den steigenden Bedarf an Grundig-Heinzelmännern und -Weltklang sicherstellten. Die ersten Kunden-Rückmeldungen wurden zur Erfolgsbestätigung: „... bin mit dem Heinzeimann sehr zufrieden. Der Lautsprecher ist hervorragend. Diesen weichen und doch vollen Ton findet man selten bei einem Gerät“. „... bin von der Trennschärfe und Klanggüte Ihres Heinzeimann begeistert“. „... der Heinzeimann, in Ausführung sowie Empfang eine Glanzleistung“ .

Mit dem Jahr 1948 waren für Max Grundig und sein Werk alle Dämme gebrochen. Die freie Marktwirtschaft gab ihm endlich den Spielraum, sein ganzes unternehmerisches Talent, seine ganze Verve auszuspielen. Zielbewußt, mit untrüglichem Gespür für die Realitäten des Marktes, mit ungestümem Elan und ökonomischer Phantasie ging er seinen Weg, der ihm immer wieder auch schwere Entschlüsse abverlangte. Das betraf vor allem seine meist unkonventionellen Geldbeschaffungspraktiken. „Es waren während des Aufbaus oft Maßnahmen nötig, die nach heutiger Sicht neben dem Gesetz lagen“, konzidierte er selbst in der Rückschau. Nach der „goldenen Bilanzregel“ freilich wäre der Wiederaufbau gewiß nicht so rasch vonstatten gegangen. Doch der Erfolg rechtfertigte alle Winkelzüge. „In einem geradezu amerikanisch anmutenden Tempo“, wunderte sich die Medienfachwelt, „wurden nach Kriegsende die Grundig-Werke aufgebaut.“

Staunend, fassungalos und beeindruckt verfolgte die Öffentlichkeit diesen in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellosen Griff aus den Trümmern nach den Sternen - vorangetrieben durch die nie erlahmende Initiative eines Mannes: Max Grundig. Die Währungsreform war gerade mal neun Monate alt, da konnte er sich bereits das Prädikat „größter westdeutscher Radiohersteller“ ans Revers heften. 12.000 Radiogeräte wurden im Monat produziert und mußten 84 Prüfungen durchlaufen, um den Grundig-Qualitätsmaßstab zu erfüllen. Fast alle Einzelteile wurden selbst gefertigt. Fünf eigene Lastzüge fuhren pro Woche 6000 Kilometer, um die Händler zu beliefern. Das Werksgelände war auf 12.500 Quadratmeter angewachsen. Ein unglaublicher Aufschwung, den Max Grundig so wohl selbst nicht für möglich gehalten hatte. Sobald sich die Großindustrie neu etabliert haben würde, so seine Befürchtung, werde man ihn als Nachkömmling schnell ausmanövrieren. Inzwischen hatte die harte Schlacht begonnen. Gleich Grundig hatten sich 200 neue Fabrikanten in der westdeutschen Rundfunkbranche angesiedelt, darunter passionierte Bastler und Leute mit abenteuerlichen Vorstellungen vom Konkurrenzkampf, der bald in äußerster Schärfe losbrach. Er lichtete die Reihen der Produzenten in den folgenden Jahren derart, daß nur noch 35 übrigblieben. Doch während das Gros der Newcomer und einige alte Firmen liquidieren mußten, arbeitete sich Grundig bis zur Spitze der Branche vor.

Dabei kam ihm sein ausgeklügeltes Vertriebssystem sehr zustatten. Um auch bei Absatzstockungen oder Fehlfabrikaten kein Risiko eingehen zu müssen, vertrieb Grundig seine gesamte Produktion, wie schon in den Jahren vor 1948, weiterhin vorwiegend über sogenannte Werksvertreter. Zehn waren es 1950, und jeder von ihnen mußte sich vertraglich verpflichten, eine bestimmte Quote der laufenden Grundig-Produktion abzunehmen und innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit (erst 30, später 45 Tage) bar zu bezahlen. Trotz dieser Vertragsklauseln war das Vertriebsmonopol für die konzessionierten Grundig-Monopolisten ein lukratives Geschäft: Der Boß gewährte ihnen 45 Prozent Händlerrabatt, von dem sie allerdings nach eigenem Ermessen einen Teil an die Einzelhändler abgeben mußten. Kritisch wurde die Situation für sie paradoxerweise, als das florierende Unternehmen seine Produktion vervielfachte, was auch ihre Abnahmequoten in die Höhe trieb.

Oft mußten sie die Geräte nun an die Einzelhändler verschleudern, denn der Unternehmer Grundig drang, unbeeindruckt von ihren Schwierigkeiten, auf Abnahme der vollen Quoten. Obwohl er die Werksvertreter mitunter für ungewöhnliche Hilfsleistungen in Anspruch genommen hatte: Noch war die Kapitaldecke seines schnell gewachsenen Unternehmens trotz des prompten Warenumschlags und des schnellen Geldrückflusses zu kurz. Oft war es fraglich, ob Betriebskosten, Wareneinkäufe, Investitionen und Steuern termingerecht bezahlt werden konnten. Da ihm die Banken - außer der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank - kein Geld leihen wollten, weil er ihnen nicht kreditwürdig genug war, fand der ehrgeizige Jungunternehmer den Ausweg mit den Wechselakzepten, die er sich von den Werksvertretern aushändigen ließ. Die mit den Akzepten versehenen Wechselformulare ließ er sich bei der Bayerischen Hypo diskontieren, das heißt in Bargeld auszahlen. Daß es sich dabei um Wechselmanipulationen handelte, geht aus einem Beruhigungsschreiben hervor, das die Bank an einen verschreckten Werksvertreter richtete: „Die schriftliche Zusage (des Bankinstituts), daß es den Werksvertreter aus den Wechselbeziehungen nicht in Anspruch nehmen wird, dürfte die unbedingte Gewähr bieten, daß sie eingehalten wird ..." „Jeder von uns“, sagte zehn Jahre später Grundigs Kölner Werksvertreter, „mußte 1949 Akzepte für Wechsel über 20.000 bis 30.000 Mark geben.“

 

1951

Daß das reichlich unorthodoxe Finanzgebaren - von Grundig zur „rationellen Finanz- und Steuerpolitik“ abgewiegelt - den zuständigen Behörden über kurz oder lang sauer aufstoßen würde, war nur eine Frage der Zeit. Die war gekommen, als sich im Fürther Finanzamt der Eindruck verdichtete, die Sache anfechten zu müssen. Wütend beschwerte sich daraufhin der Firmenchef über die lästigen Recherchen der fiskalischen Betriebsprüfer: Sollte die Schnüffelei nicht aufhören, sehe er sich gezwungen, einen Teil der Belegschaft zu entlassen. Als das nichts nützte, griff er in seine allzeit parate Trickkiste, Bauart Schlaumeier, die ihm schon wiederholt aus der Patsche geholfen hatte. Er warb der Prüfungskommission kurzerhand ihren eifrigsten Schnüffler ab, der mit seinen profunden Steuerkenntnissen fortan Grundig im Gezänk mit dem Finanzamt beistand.

Doch schon bedrohte ein neuer Unruheherd die Erfolgsstory des jungen Unternehmens: Die genervten Werksvertreter probten den Aufstand. Sie verschworen sich auf einer Konferenz in Rüdesheim 1953, die ihnen aufoktroyierten unelastischen Verträge nicht länger hinzunehmen. Allerdings ohne Erfolg. „Grundig konnte damals oft brutal sein“, umschrieb einer der gescheiterten Rebellen die Unnachgiebigkeit des Konzernherrn, die einigen die Existenz kostete. Sie mußten wegen Zahlungsschwierigkeiten ihre Firmen liquidieren, darunter auch sein eigener Schwager. Auf dem Gewaltmarsch zur wirtschaftlichen Macht rollten zwar Köpfe, doch für Grundig, der jetzt den Vertrieb umstrukturierte und auf die neu gegründete Grundig Verkaufs-GmbH übertrug, heiligte der Zweck die Mittel. Und der Zweck war für ihn einzig und allein sein prosperierendes Unternehmen. Das dirigierte er vor allem aus dem Bauch - ohne Rücksicht auch auf die eigene Person. Ohne ihn ging in der Firma gar nichts. Jeden Abend nach sieben trommelte der Firmenchef seine engsten Mitarbeiter zusammen und brütete mit ihnen die Pläne aus, die ihm auch in der zweiten Phase des Aufstiegs den Erfolg sichern sollten. Selbst die scheinbar unbedeutendste Fertigung mußte von ihm abgesegnet, und wenn sie seiner Vorstellung nicht entsprach, wieder und wieder vorgelegt werden, bis er sein Placet gab. Gefiel ihm etwas nicht, griff er zum Stift und zeichnete die Entwürfe einfach um. Er nahm die kleinste Bedienungsanleitung, deren Bürochinesisch nur zum Wegwerfen taugte, mit nach Hause und schrieb sie um. Er testete seine Führungsleute, ob sie imstande waren, die Geräte des Hauses mit links zu bedienen.

Bereits damals eignete er sich eine „Marotte“ an, die zum Signum werden sollte. Mitarbeiter erinnerten sich: „Während bei einer Besprechung über Vertriebsfragen diskutiert wurde, tastete er mit der rechten Hand unvermittelt über einen neben ihm stehenden Radio-Super. Plötzlich hielt er inne, stellte fest ,Die obere Kante geht nicht. Die ist zu hart. Das muß geändert werden' und schrieb den Namen des Gehäuse-Entwerfers auf eine Din-A-5-Seite.“ Diese „Rücksprachezettel“ waren gefürchtet. Für die, die dort landeten, gab es kein Entrinnen. Denn Schlamperei und Unprofessionalität fanden keine Nachsicht. Für den Perfektionisten Grundig wurden diese Notizen zu seinem formatierten Gedächtnis. Er schrieb jeden Vorgang, jede Frage, jeden Einfall mit einem seiner legendären Rotstifte auf, um sie dem Vergessen zu entreißen. „Vergessen“, meinte er, „ist tödlich.“ Mit diesen Din-A-5-Gedächtnisstützen organisierte er seine eigene Unrast. Sie wurden zum Rückgrat seiner Konzern-Strategie, die trotz des rasant wachsenden Mitarbeiterstabs in der straff organisierten Firmenzentrale immer eine One-Man-Show blieb.

 

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Straff organisierte One-Man-Show: Max Grundig im Kreis seiner Führungskräfte

 

Er allein war es auch, der sich bereits in den Anfangsjahren eine schlagkräftige Verkaufsstrategie einfallen ließ: das Jedermann-Radio“ zu „Jedermann-Preisen“, mit einem großzügigen Teilzahlungssystem für Groß- und Einzelhändler - ganz im Sinne des Wirtschaftsministers in Bonn, Professor Ludwig Erhard, der einmal des damals noch kleinen Radiohändlers Nachbar war, bevor er den Turbolader seines Wirtschaftswunders zur Kenntnis nahm und ihn nach einem ersten Besuch in der Kurgartenstraße im Dezember 1949 regelmäßig traf. Die Sonntagsvormittagsgespräche bei einem Bocksbeutel Frankenwein und dicken Zigarren wurden zur festen sporadischen Einrichtung. Für Gerüchteköche ein gefundenes Fressen: Erhard mußte der Sponsor des Fürther Musterkonzerns sein!

Der erste war er auch mit dem schon Ende 1949 fabrizierten Kofferradio - wieder mal exakt zum richtigen Zeitpunkt. Denn mit Vespas, später mit Isettas, Gogo- mobils und VW-Käfern begannen sich die Deutschen langsam wieder zu motorisieren, machten Wochenendtrips und entdeckten das Camping. Das Kofferradio war bei diesem Freizeitvergnügen das Tüpfelchen auf dem I,

Auch der Wohnungsbau war inzwischen vorangekommen - und mit den neuen Wohnungen wuchs der Ehrgeiz, zu zeigen, wozu man es bereits wieder gebracht hatte. Mit dem ersten Musikschrank („das Edeltonmöbel für den Musikfreund“) bot Grundig den lange vermißten Hauch von Luxus an.

 

1953 

Vom Deutschen Fernsehen wird der „Internationale Frühschoppen" mit Werner Höfer übernommen. Die Sendung existiert bereits seit einem Jahr als Hörfunksendung. Sie wird bis Ende 1988 jeden Sonntag ausgestrahlt.

Die auf inzwischen 1600 angewachsene Belegschaft produzierte nun bereits eine ganze Baureihe, die Grundig populär die „Kleeblatt-Serie“ taufte. Den Namen hatte er sich von der Stadt Fürth entliehen, die ein Kleeblatt im Wappen führt, und von der SpVgg Fürth, womit auch das Herz aller Fußballbegeisterten gewonnen war. Ein publicitywirksamer Reklametrick, zumal Grundigs Frau Anneliese den Fürther Fußballern zum Dank für die Patenschaft im Stadion funkelnagelneue Kofferradios überreichte. Überhaupt: Der Fuchs aus Franken wußte, wie er die Massen begeistern konnte. Mehr und mehr führte er dem staunenden Publikum vor, wozu sein potentes Unternehmen in der Lage war - auch da immer allen anderen mehr als nur einen Schritt voraus. Noch ehe die großen Messen des Jahres 1950 Gelegenheit zur Neuigkeiten-Schau boten, hatte er sich bereits eine eigene rollende Funkausstellung zugelegt: einen hellblauen Ausstellungswagen, zehneinhalb Meter lang, zehn Tonnen schwer - ein mobiles Schaufenster, das mit einem mikrophonbewaffneten Sportreporter kreuz und quer durch die Republik kurvte, stets heftig umlagert von Schaulustigen - ob auf der Kieler Woche, auf der Gartenschau „Planten und Bloomen“ in Hamburg, bei Fußballspielen oder Wintersportereignissen. „Ein stolzer Künder Fürther Unternehmungsgeistes und Industriefortschritts“ titelte die Presse in hehren Worten, und Max Grundig hatte wieder einmal bewiesen, daß er die Nase im Wind und das Ohr am Volk hatte. Bestätigt wurde ihm das Ende 1950 von der Fachzeitschrift Radiohändler. „... aus den beiden Voraussetzungen - zuverlässige und von ihrer Arbeit begeisterte Mitarbeiter und dem unbändigen Willen des Chefs, das Höchste zu erreichen - entstand jene magische Kraft, die Grundig-Radio so schnell emporwachsen ließ. Max Grundig ... ist es gelungen, das unverwüstliche deutsche Kapital an Ideen und Arbeitskraft in seinem Werk zu aktivieren.“

Max Grundig, der Großindustrielle, wie er neuerdings tituliert wurde, verfügte am Ende des Jahres 1950 über Europas größte Spezialfabrik für Rundfunkgeräte. Sein Jahresumsatz betrug unvorstellbare 44 Millionen DM, die Belegschaft war astronomisch auf 3005 - um 1400 in einem Jahr! - geklettert, der Export innerhalb Europas, nach Asien, Afrika und Südamerika war angelaufen. „Grundig riß die ganze Branche sowohl in kalkulatorischer als auch in technischer Hinsicht in einem Tempo vorwärts“, befand Der Spiegel, „das ihr gegenüber dem Ausland einen gravierenden Vorsprung sicherte.“ Westdeutsche Rundfunkgeräte waren auf den Exportmärkten überaus begehrt, besonders in den USA wuchs die Nachfrage stetig - „Grundigs Verdienst“, wie selbst einer seiner Konkurrenten, Blaupunkt-Direktor Werner Mayer, anerkannte.

 

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Werben, wo die Massen sind: Grundig-Plakat auf der Berliner Funkausstellung

 

So rasant die Wachstumsbeschleunigung auch war, der Macher aus Fürth wollte sich damit nicht zufriedengeben. Er konnte nicht mehr bremsen. „Ich habe nie Zweifel gehabt“, wunderte er sich über die Zaghaftigkeit anderer, „ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Warum auch? Ich hatte doch Erfolg.“